Im Cafe

Die Frau, die auf ihrem kleinen Laptop neben mir im Internet surft und bei jedem Klick “Oh Gott, oh Gott” ziemlich laut vor sich hinflüstert, dass es mich jedesmal aufschreckt.

Der Vorname-Fime von Sönke Wortmann

Es geht um den Vornamen eines zukünftigen Erdbewohners. Er soll Adolf heißen, wie der werdenden Vater ankündigt. Er tut das bei einem indischen Essen, zu dem sein Bruder, ein Literaturprofessor und seine Frau, eine Gymnasiallehrerin, geladen haben. Dabei ist noch ein langjähriger Freund des Gastgeberpaares, ein Klarinettist, und später die zukünftige Mutter des kleinen Adolfs, dabei. Natürlich bricht ein Streit über die Namensgebung aus, der mal wieder versiegt, dann wieder aufflammt und irgendwann im Grundsätzlichen endet. Schauspieler und Regisseur bemühen sich redlich das Ganze auf dem Niveau der Komödie zu halten und es nicht zu einem Psychospiel zwischen den Akteuren abgleiten zu lassen. Das gelingt nur teilweise. Die Schauspieler agieren aufgrund dieses Vorhabens oft auf der Oberfläche, so das mir der Film nicht wie ein Film sondern wie verfilmtes Kabarett vorkam. Irgendwie hats einfach an Tiefe gefehlt, die eine Kmödie durchaus auch erreichen kann.

Film: Verliebt in meine Frau

Ach ja, der Mann für den es kein Entrinnen gibt angesichts der Schönheit und Naivität einer viel jüngeren Frau. Da wird mal schnell das eigene Leben komplett aufgelöst, die in die Jahre gekommene Ehefrau verlassen und die alten Freunde verraten. Nein es geht hier nicht um Moral. Es geht um den Wahnsinn, wie die Illusion einer Romanze das abgeklärte Leben mit Engelsflügeln versieht. Eine Illusion wird nie zu Ende illusioniert. Die Schönheit wird immer nur bis zu einem nicht weit entfernten Punkt gedacht. Das schaut von außen betrachtet lächerlich aus. Ist aber für den Mann, der so etwas erlebt wie ein grandioser Aufbruch in unendliche Weiten. Wer denkt da schon an Absturz?

Der Schreibtisch, die Insel

Mein Schreibtisch ist ein verschwiegener Ort. In einer Ecke in einem dunklen Zimmer hat er seinen Standort. Durch das kleine Dachfenster dringt kaum Licht. Ich muss die kleine Lampe einschalten. Ich setze mich in den warmen Lichtkegel. Abschied von allem, was mich stört. Von dem Gerede, dem Telefon, dem schmutzigen Geschirr in der Küche, von meiner Unruhe und gelegentlich, wenns richtig gut ist von der Zeit. Ich sitze einfach nur da und schreibe in der Blase des Lichts. Der Router leuchtet hinter Türen und Wänden. Die Schimäre der offenen Welt lauert, Nach Stunden oder schon Minuten erliege ich ihr. Mit großer Bestimmtheit. Am Ende liege ich wie ein erschlagener Krieger auf der Tischplatte.

In einen Cafe

Alte Damen aus einem Altenheimm sitzen neben mir und sprechen über die Häufigkeit von Selbstmorden an Weihnachten in Altenheimen. Sie sprechen laut und völlig gelassen über diese Möglichkeit, die Einsamkeit auf diese Weise zu beeenden. Das Gespräch beruhigt mich auf seltsame Weise.

Das erste Sexspielzeug

Das erste Sexspielzeug

Als Adam den Apfel nahm, von Eva angeboten, begehrte er sie wie noch nie vorher. Er schlief mit ihr im Garten Eden unter einem Tulpenbaum. Der Apfel lag ungegessen neben ihnen, als er auf ihr kam und sie unter ihm. Die Schreie der beiden ließ die Vögel auffliegen aus den leuchtenden Gräsern des Paradieses. Er strich ihr zart mit einem Zeigefinger über die Augenbraun. Er liebte es in ihre noch von der Erregung verdrehten Augen zu schauen. Der Apfel war nach vorne gerollt zu ihren Füßen. Eva spürte ihn an ihren Sohlen und rollte ihn mit den Füßen nach oben zwischen ihre Beine. Er lag nun in ihrer Scham, im Nest ihres blonden, gekräuselten Schamhaares. Sie kicherte wegen dem Kitzel und der Kühle der roten pflanzlichen Haut. Ob diese beiden Menschen schon eine Sprache hatten? Nehmen wir mal an, es wäre so. Dann würde Eva gesagt haben: „Schau, Adam. Der verbotene Apfel in meinem Schoß. Wie das Ei eines Paradiesvogels.“
Sie nahm seine rechte Hand und legte sie auf den Apfel. Adam wusste intuitiv, was zu tun war. Er rollte die Frucht geschickt auf ihren Venushügel hinauf und wieder hinunter. Dabei drehte er sie sehr geschickt um ihre eigene Achse. Eva schloss ihre Augen. Leise säuselte sie mit dem Wind.
Gott beobachtete seine beiden Geschöpfe. Er sah zu, was sie mit der von ihm verbotenen Frucht anstellten. Warum biss verdammt noch mal Adam nach dem für den Allmächtigen erstaunlich anregenden Liebesspiel nicht einfach hinein? Das von ihm geschöpfte Begehren entwickelte etwas, was er in den sechs Tagen seiner Genesis noch nicht benannt hatte. Er sah in das gerötete Gesicht von Eva, ihren leicht geöffneten Mund, ihre Brüste, die sich immer schneller hoben und senkten. Die Frucht, mit der Adam die Scham seiner Eva verwöhnte, wurde nicht mehr nur von der Hand bewegt. Seine Stirn, seine Kopf, Bauch, Knie, Füße, ja eben fast alles was Gott für den Menschen geschaffen hatte, beteiligte sich am Rollen und Rotieren der Frucht..
Doch ein Apfel sollte ein Apfel bleiben. Ein Baum ein Baum. Ein Affe ein Affe. Eine Wolke eine Wolke, ein Mensch ein Mensch und Gott der Gott. Alle Dinge sollten die von ihm ausgedachte Bestimmung behalten und niemals verändern.
Den Menschen mit Intelligenz auszustatten, mit einem Bewusstsein, war Gottes beste Idee. Aber nun rührte sich etwas in diesen beiden Geschöpfen, das ihm entglitt, das er nicht vorausgesehen hatte. Gott zweifelte zum ersten Mal an seiner Allmacht. Evas Atem war inzwischen in ein singendes Stöhnen übergegangen und drängte sich in Gottes Denken. Gott musste schnell ein Wort finden für das, was diesen zweckentfremdenden Umgang mit diesem rotbackigen Obst entsprach. Ein von ihm geschöpftes Wort für das Phänomen, Gegenstände einem anderen Sinn zuzuführen. Würde er ein Wort finden, hätte er wieder die Macht über das Treiben seiner ersten Menschen. Er sah in Evas weit aufgerissene blaue Augen, bemerkte ihre zitternde Wimpern, ein Detail seiner Schöpfung, auf das er besonders stolz war. Wie sie sich wand, sich aufbäumte auf dem von Gott geschaffenen weichen Moos. Der über ihren Körper gleitende Apfel, der ihr so viel Lust brachte, dass selbst die Bäume ihr Rauschen einstellten.
Das Stöhnen des Begehrens in der Stille des Paradieses. Das Menschliche war hineingefallen in die frische Welt. Hineingefallen ins Paradies. Nicht von ihm, Gott ausgelöst, sondern vom diesen beiden dort unten.
Gott vernahm Evas erlösenden Schrei in der Befreiung ihres Begehrens. Das Begehren war seine beste Erfindung Gottes. Es immer tun zu müssen, um sich als einmalige Art auf dem Erdboden möglichst zahlreich auszubreiten Aber nun trieben es Mann und Frau mit Hilfe eines Apfels, der noch dazu mit einem Tabu belegt war. Da stand plötzlich das Vergnügen im Vordergrund und nicht mehr die Zeugung weiterer Nachkommen. Er erfuhr vor seinen alles wahrnehmenden Augen eine Umdeutung eines Teils seiner Schöpfung in ein Liebesspielzeug, das seine Eva zur sexuellen Ekstase, aber zu keinem fruchtbaren Samenstrom führte. Die von ihm geschaffene künstliche Intelligenz entwarf eigene, menschliche Ideen. Wie konnte ihm, dem einzigen Gott dieser Welt, so etwas unterlaufen?
Gott sah hinunter auf die beiden Geschöpfe. Eng umschlungen schwitzend und glückselig bissen sie abwechselnd in die wertvolle Frucht. Gott spürte Spuren des Schmerzes, den er allem, was lebt, gegeben hatte, nun an sich selbst. Der Schmerz als ein Zeichen von Neid auf das Menschliche da unten auf seiner Erde. „Was für einfallsreiche Wesen“, sprach Gott zu sich selbst. „Zu leichtsinnig bin ich gewesen nach all den anderen erfolgreichen Schöpfungen von Himmel und Erde, Pflanzen und Tieren. Zu kompliziert habe ich das Innere ihrer Köpfe ausgestaltet und den Überblick verloren. Ach wie menschlich fehlerhaft auch ein Gott sein kann.“ Er sprach´s und vertrieb Adam und Eva, nachdem sie den Apfel verspeist hatten, aus ihrem Paradies. Verlassen hätten die beiden es eines Tages sowieso. Der menschliche Einfall und das von göttlicher Macht unabhängige Begehren blieben für immer in der Welt.

Zsuzsa Bank:Schlafen können werden wir später

Immer wenn ich mich mit dem Buch auf meinen Friedhof gleich neben meiner Wohnung (ich besitze keinen Balkon) setzte, verabschiedete ich mich von der Welt, um ganz hinabzuwandeln in die Poesie dieses Romans. Eigentlich handelt es sich um keinen Roman, sondern um eine dreijährige Kommunikation via E-Mail zwischen zwei Frauen. Johanna ist Lehrerin, kinderlos´, Mitte vierzig, Doktorandin über Annette von Droste-Hülshoff und gerade verlassen von ihrem langjährigen Freund Markus, in der Provinz im Schwarzwald lebend. Auf der anderen Seite ist Marta, Schriftstellerin, unglücklich verheiratet, drei Kinder in Frankfurt lebend.
Die Frauen verbindet die Liebe zueinander und die Liebe zur Sprache. In ihren Mails (ach dieses Wort ist so unpoetisch, wie klingt dagegen Brief)erzählen sie sich gegenseitig von den Zumutungen ihres Lebens, von den Angriffen verweigerter Liebe, von den Attacken lebensbedrohlicher Krankheiten, den Forderungen des eigenen Egos und von den Verheerungen des Todes. Sie betrachten sich mit so viel Zärtlichkeit, Nachsicht, Vergebung, Wärme, Bedingungslosigkeit, Aufmunterung und Mitgefühl, immer begleitet von einer zarten, poetischen Sprache.
Als Mann, der immer getrieben wird von Ehrgeiz und dem Gefühl, schneller und schlagfertiger als mein Gegenüber zu sein, kann ich da nur verwundert sein und feststellen, dass es auch anders geht. Vorausgesetzt, das mit der Liebe stimmt wirklich.

“In den Gängen” ein Film von Thomas Stuber

Das ist ein Film des Blickens, des Schauens, des Beobachtens. Ein Film über das Sehen. Mit großer Zartheit und Vorsicht, den Menschen in einem Großmarkt nicht zu nahe zurücken. Sie in Ruhe zu lassen in ihrer Suche nach Gemeinsamkeit und wenn es ganz gut kommt, nach Liebe. Am Ende ist man nicht mehr Zuschauer, sondern einer, der Regale einräumt, mit dem Gabelstapler die Schluchten der Gänge abfährt, Kunden zu den gesuchten Schokolinsen schickt oder gegen den Chef der Pfandrückgabe Schach spielt.
Franz Rogowski spielt den schweigsamen Angestellten Christian. Frisch aus dem Knast fängt er in der Getränkeabteilung an. Der warmherzige Bruno nimmt ihn unter seine Fittiche. Schnell merkt er, dass Christian sich in die verheiratete Marion (Sandra Hüller) aus der Süßwarenabteilung verliebt hat und unglücklich ist.
Für die Angestellten ist der Großmarkt die Welt, in der sie zu Hause sind. Das sind nicht ihre Wohnungen und Eigentumshäuser, wo die Einsamkeit und die Vergänglichkeit der Liebe spürbar und penetrant sind. Christian hat in dem Markt seine Heimat gefunden. Mit seinem Gabelstapler geht er auf Entdeckungsreise. Er ist sein Kreuzfahrtschiff, auf dem er zwischen den hohen Regalen hindurchsurft wie zwischen Wellen. Wenn man die Gabel von oben ganz nach unten fährt, klingt es wie das Rauschen des Meeres.
Die Augen von Franz Rogowski sind groß wie eines Kindes und traurig wie eines alten, einsamen Mannes. Darin spiegelt sich alles, was das Leben ausmacht. Wer muss da noch in fremde Länder fahren.

Das Reh

Gestern am hellichten Tag stand ein Reh am Straßenrand. Einfach so. Ich hielt an und schaute ihm in die Augen. Es schaute in meine Augen. Dann lief es in den Wald zurück. Als ich weiterfuhr, fühlte ich mich so ganz bei mir und ruhig wie schon lange nicht mehr.

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