Ferdinand von Schirach: Kaffee und Zigaretten

Ein zurecht gehyptes schmales Buch, kein Schmöker,keine Schnörkel, glasklar, ohne Kompromisse in seiner Sprache, berührend in seiner Nüchternheit, jeder Satz wie ein Stück Blei, das man einen tiefen Brunnen hinunterfallen hört.Nichts ist unwahrscheinlich, alles wahrscheinlich. Das Leben ein Stück makelloses Glas, durch den das Licht der anderen hindurchschimmert.15787530792507337203841971646195

Das unsichere sechzehnjährige Mädchen Greta Thunberg

Da spricht Greta Thunberg mit all ihrer unverstellten Wut und Empörung vor der Erwachsenenwelt und klagt diese völlig undifferenziert an. Und die rechtern Kreise und Verschwörungstheoretiker schwirren aus ihren dunklen Ecken und vermuten böse Hintermänner. Greta Thunberg kann sich dagegen genauso wenig wehren wie der Himmel gegen die Chemtrailfreaks oder die kugelige Erde gegen die Flat-Earther. Wissenschaft spielt keine Rolle. Der gesunde Menschenverstand auch nicht.

Dörte Hansen: Mittagsstunde

Nach fünf Wochen in Nordfriesland dieses Buch gelesen. Die behutsame Sprache der Autorin Dörte Hansen erweckt den Wind der See und öffnet die Augen für die Weite der Landschaft und ihrer BewohnerMittagsstunde. Aber eine Landschaft, die nichts zu tun hat mit meinem touristischen Wanderblick. In dem Buch sind Gesichter und Felder zerfurcht von Stürmen und den Errungenschaften der modernen Zeiten. Ein Graben geht zwischen allen hindurch. Auf der einen Seite die, die seit Jahrhunderen ihrer bäuerlichen Bestimmung folgen und auf der anderen Seite die anderen, die keine Ahnung mehr davon haben, was ihre Bestimmung denn nun sei. So hoch und wertvoll ist der Preis der Freiheit. Die Landschaft ist ein Spiegel für die Menschen dort. Dörte Hansens Sprachkunst ist ihr Spiegelbild. Jeden in diesem Buch mag ich, jedem folge ich gerne, einfach nur, weil er lebt, entweder sich fügend den Gegebenheiten oder sich auflehend, meist einsam und immer irgendwie vergeblich, lohnend allemal.

James Baldwin: Eine andere Welt

Keinen Autor bisher gelesen, der so über die Liebe schreibt, momenthaft und neblig wie das Glück, das Flattrige, das Entsetzliche, schön und hässlich zugleich, rauschhaft, von Sekunde zu Sekunde hin und her pendelnd. Als Ursache und Antrieb von allem in der schonungslosen von Rassismus und Homophobie geprägten Welt New Yorks der späten 50er Jahren.Baldwin

Elena Ferrante: Die Geschichte eines neuen Namens

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“Die Geschichte eines neuen Namens” entfaltete wieder ihren Sog, zumal ich mit den beiden Frauen durch den ersten Band bereits sehr vertraut bin. Ja vielleicht verwandel ich mich zeitweise sogar dank der der Sprache in die beiden Antipoden: Lila die Impulsive, Leidenschaftliche, Schöne, Kompromisslose, Sprunghafte, vor Intelligenz Sprühende, dann Lena, die Kluge, zu Vernünftige, Planende, Zurückhaltende, Distanzierte, Literarische. Vielleicht ist Lila das Alter Ego von Lena. Aber das ist nicht wichtig. Beide Frauen erkämpfen sich ihr Leben in einer Welt, die gewalttätig ist und die Bestimmungen und Talente ihrer Menschen, vor allem der Frauen, brutal unterdrückt. Alle Dramen spielen sich in den sechziger Jahren in Neapel ab. Lila verirrt sich in den Konventionen. Sie heiratet früh einen Lebensmittelhändler, lässt sich von ihrem Ehemann schlagen und vergewaltigen. Trotz allem leitet sie sehr erfolgreich zuerst ein Lebensmittel-dann ein Schuhgeschäft. Lena folgt stringent ihrem Talent trotz aller Lieblosigkeiten und Gewalt von außen. Sie absolviert das Gymnasium als beste, studiert in Pisa und schreibt einen erfolgreiche Roman. Beide Frauen ziehen ihre Bahnen, Lila weit außerhalb ihrer Begabung, Lena ganz ihrer Intelligenz folgend. Der Anziehungskraft der Liebe sind beide nicht gewachsen. Die Illusion, aus sich und seiner Umgebung hinauszuwachsen, ist einfach zu groß. Beide verlieben sich in den gleichen Menschen, ein Mann, der nicht mit körperlicher Stärke brilliert, sondern schlicht mit seiner Intelligenz und seiner Empfindsamkeit.
Lebensläufe sind.
Am Ende erkennt die Ich-Erzählerin Lena, nachdem sie ihre Freundin nach vielen Jahren in einer Fleischfabrik wieder trifft: “Sie reagierte, indem sie mir praktisch erklärte, dass ich gar nichts gewonnen hatte, dass es auf der Welt überhaupt nichts zu gewinnen gab, dass ihr Leben genauso wie meines voller außergewöhnlicher und unsinniger Abenteuer war und dass die Zeit ganz einfach ohne jeden Sinn verrann und es nur schön war, sich hin und wieder zu sehen, um den verrückten Klang des Gehirns der einen als Echo im verrückten Klang des Gehirns des anderen zu hören.”

Die Einsamkeit des Michael Collins

In einer silbernen Tonne flog er durch die Schwärze des Weltraums. Unter ihm der Mond, leblos und still. Michael Collins war so allein wie noch kein Mensch vor ihm. Er trat, als seine Kameraden sich auf die Oberfläches des Mondes hinabließen, in die ungeheuerliche Einsamkeit. Der Raum zwischen Erde und Mond war das Nichts. Alle Blicke, alle Medien auf der fernen Erde, waren auf die beiden gerichtet, die gerade über den Mond spazierten und die Brocken des ewigen Ruhms dort einsammelten. Er war der um den Trabanten kreisende Taxifahrer, den man vergessen würde. Die verführerische Idee die Umlaufbahn zu verlassen, sich ins All zu schießen, sich in der Leere aufzulösen, zu wissen welches Entsetzen er dort unten bei den Milliarden von Menschen auslösen würde. So wäre er unsterblich wie ein Gott. Sein Körper würde alle Zeiten überdauern. Er wäre der einzige Mensch, der würde vergessen werden.
Aber er wartete geduldig in seiner Kapsel, bis Neil und Buzz, sich zu ihm wieder hinaufschießen, ihm auf die Schuler klopfen und ihn zu allen Empfängen und Ehrungen dabei haben würden.

Das Gesicht von Greta Thunberg

Das Gesicht von Greta Thunberg ist das Gesicht von einem Kind. Von einem Kind, das sich vom Kindsein verabschiedet hat. In ihren strengen Augen wohnt Verachtung für die Ziele der Erwachsenen. Sie rennt auf die Straße davon und nimmt alle mit, die bald auch in der großen gerahmten Welt verschwinden werden.

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