Das Gesicht von Greta Thunberg

Das Gesicht von Greta Thunberg ist das Gesicht von einem Kind. Von einem Kind, das sich vom Kindsein verabschiedet hat. In ihren strengen Augen wohnt Verachtung für die Ziele der Erwachsenen. Sie rennt auf die Straße davon und nimmt alle mit, die bald auch in der großen gerahmten Welt verschwinden werden.

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ZEIT Artikel: Der Mythos vom Verzicht vom 11. Juli 2019

Nicht der Verzicht des Einzelnen löst eine Veränderung aus, nein es muss politisch etwas geschehen, um unsere Welt zu verändern und um unseren Planeten zu retten. Mein persönlicher Verzicht auf Plastik, Fleisch, Fliegen ist meinem Gewissen und meinem Ringen um Identität geschuldet. Aber im Großen, Globalen gesehen ist das sinnlos. Friday for Future, die Bewegung von Schülern, kann Veränderungen auslösen, indem sie sich in das Denken der Verantwortlichen einnistet. Denn die wollen gemäß der Stimmung ihrer Wähler handeln. Und was drückt besser die Stimmmung als die Jugend!

Andrea Wulf: Alexander von Humboldt oder die Erfindung der Natur

Das Buch ist eine Reise, eine Reise hin zur verlorenen Natur und zu dem, was uns wirklich ausmacht, zu unserem Ursprung und zu unserem Ziel. Die englische Autorin Andrea Wulf folgt einem Menschen der besessen davon ist, die Natur mit der Gabe der Beobachtung, des Zeichnens und vor allem des Schreibens zu erfassen. Das kann nicht gelingen, angesichts der Größe, Leidenschaft, Komplexität, Ruhelosigkeit und des Schaffensdrang dieses Menschen. Das grandiose Scheitern an der Gestalt “Humboldt” macht die Besonderheit dieses Buches aus. Andrea Wulf kommt mit dem Schreiben nicht hinterher, sie kriegt Humboldt nicht zu fassen. Immer entzieht er sich ihr für neue Pläne, neue Ideen, neue Begegnungen, neue Aufenthaltsorte, neue Entdeckungen und neue Reisen. Nur in der Wirkung auf seine Zeit und die Zeit danach, die Andrea Wulf sehr eingehend beschreibt, erreicht sie ihn. Humboldt prägt unsere Sicht von der Natur, das alles mit allem zusammen hängt, das alles, was lebt, wächst, sich fortpflanzt oder sich bewegt, ein logischer und zugleich magischer Teil der Natur ist. Die Natur ist nur zu verstehen mit unserer Gabe der Phantasie und der Poesie. Das alles mit allem seit dem Ursprung unserer Welt zusammenhängt,ein filigranes, feinst gesponnenes Netz ergibt hat er erkannt und immer wieder auf deren große Verletzlichkeit hingewiesen.

 

 

Entdecker der Ökologie.Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur

 

David Szalay: Was ein Mann ist

Es muss einem richtig gut gehen, wenn “Mann” dieses Buch liest. Eine Frau kann bei der Lektüre immer sagen: “Zum Glück gehöre ich nicht zu diesem Geschlecht”. In 10 Geschichten erzählt David Szalay von Männern in allen Altersphasen, in sehr unterschiedlichen Lebenslagen. Allen geht es ziemlich bis sehr schlecht. Über allen hat sich ein großes Leiden ausgebreitet. Ein Leiden am Leben an sich, ein Leiden an unwiederbringlichen, verpassten Gelegenheiten vorwiegend auf erotischer Ebene, an seinen Mitmenschen und an der unausweichlichen Endlichkeit unseres Daseins. Keine Geschichte besitzt einen Plot. Jede Geschichte lässt einen einfach so stehen, ganz ohne Abschied, Erklärung oder Trost. Und über allen legt sich eine Sprache, nüchtern und wie ein grauer Nebel, die es unmöglich  nicht deprimiert und nicht berührt dieses Buch zu Ende zu lesen,

Herbert Grönemeyer in der Münchner Olympiahalle

Da ist er immer noch. Und das ist beruhigend. Dieser blasse Mensch aus dem “Boot”, der diese Platte “Bochum” vor so vielen Jahren den Leuten hinschleuderte und damit zum größten und bekanntesten deutschen Popstar wurde. Er singt Lieder, die der Soundtrack vieler Leben in der ausverkauften Olympiahalle sind und allemal eine sehr beruhigende Wirkung auf den persönlichen Alterungsprozess haben. Da ist einer, der wird mit uns alt, bleibt aber trotzdem so jung und lebendig wie vor fast 40 Jahren. Oh Yeah! Auch ich kann das. Ich muss nur mutig sein, mich hinstellen und das was ich fühle und denke mit allem was mir an Selbstbewusstsein möglich ist, unter die Leute bringen. Man darf mir auch ansehen, dass ich kein Kostverächter bin und ich trotzdem tanze, tanze, tanze. Wenn alle auf einer Welle der Musik schwimmen, indem sie die Lieder wie Hymnen mitsingen und für die ganz Fremden verständlich machen, ist das ein Glück, weil man sich auflöst in der Euphorie unter den anderen. Jeder wünscht sich dann, dass Herbie in seinem schwarzen, eng gewordenen Anzug immer weiter seine Show durchfeiert und bald wiederkommt, um uns alle endlich wieder zusammenzubringen.

MIRANDA JULY: DER ERSTE FIESE TYP in den Münchner Kammerspielen

Es geht um die Entgrenzung, um Heilung. Vor allem um Befreiung aus einem Leben, das Rituale, Gewohnheiten und die Einsamkeit so starr und traurig gemacht haben. Cheryl lebt ein strenges, gut organisiertes und geordnetes Leben ohne Störungen von außen. Freudlos, aber sauber. Cheryl wird krank, bekommt Schluckbeschwerden und einen Kloß im Hals. Symptome eines freudlosen, kommunikationsarmen Lebens. Noch dazu ist sie unglücklich verliebt. Da zieht Clee ein, die Tochter ihres Chefs, rücksichtslos in ihrem Hedonismus und in ihrer Lust das Leben auf vermeintlich primitive Art zu genießen, mit Fernsehen, Chips und Fertigessen aus der Mikrowelle. Ihre gewaltvolles, rabiates Ausbreiten in der Wohnung der Älteren führt zur Eskalation. Die Eskalation schließlich zum Auseinanderbrechen des gewohnten Lebens, zur Lust am Spiel, am Experiment, an der Auflösung von Rollenbildern, Geschlechterzuordnungen und sexueller Konventionen. Das Leben hebt ab und alles, alles gelangt in einen Zustand des Schwebens und des Spiels.

Der Morgen

Der Morgen hält bereit,

Etwas,

Von dem du nichts weißt,

Das Wetter ist

Die einzige Tatsache,

Die dir vertraut ist.

Die Sonne

Bricht sich ab

Ein Stück von dem Brot

Das sauer Gekaute

Der Schnee so fremd

In der Jahreszeit

Wie du

heute Morgen

In der Welt.

 

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