Elvis auf Sylt

Elvis lebt immer noch auf Sylt. Er ist nicht mehr ganz so fett. Meistens findest du ihn vor dem McDonalds Restaurant in Westerland oder in dem Fischgeschäft um die Ecke, wo er Fischsemmeln im Viererpack verspeist. Eingepackt ist er in diesen typischen Elvis the Pelvis Overall. Das Kostüm ist bestimmt nicht das Original. Dünn und flatterig weht es im kalten Wind. Es könnte glatt vom Karnevalsmegastore sein, wo man so ein Kostüm online bestellen kann. Aber der Elvis ist echt. Da bin ich mir sicher. Auf seiner alten Gitarre hat er die Griffe von Jailhouse Rock drauf. Die Hüfte knirscht beim Schwingen. Sein Glanz hat ein wenig eingebüßt. Aber seine Haare schillern in der Sonne giftig wie Flöze eines Kohlebergwerks angestrahlt von einer Stirnlampe. Die Fans geben sich nicht als solche zu erkennen. Sie gehen vorbei mit ihren Tüten von Superdry, Jack und Johnson, Adidas, Boss, Diesel undsoweiter. Hauptsache sie tragen ihn in ihren Herzen und nicht in ihren Einkaufstaschen davon. Der alte Hut, der vor ihm liegt, passt überhaupt nicht zu ihm.

Italien im Sommer 2020

Zusammengeklappte Sonnenschirme

Italien ein von den hellhäutigen Touristen verlassenes Land. Kein geröteter Körper weit und breit. Das Meer rauscht italienisch. Die Wellen brechen ausschließlich für die, die an ihren Stränden wohnen. Die Sonnenschirme stehen entspannt an den Stränden wie Madonnen in flatternden Gewändern. Azur leuchtet der Himmel nicht blau. Die Ruderboote liegen mit gespreizten Flügeln wie tote Wasservögel auf dem Sand. Die Bademeister und Lebensretter, gehüllt in brüchige Sonnenbräune, träumen von blonden Frauen. Mit gestreckten Gliedern hocken sie in einem der Millionen leerer Liegestühle. Das Klischee von Italien feiert ein Fest. Italien verwandelt sich zurück in ein fernes, mit Zitronenbäume gepunktetes Land. Unerreichbar hinter dem Irschenberg, Rosenheim, dem Inntal Innsbruck, den Outletgeschäften auf dem Brenner. Italien leuchtet und duftet über die Alpen como Capuccino. Ein Hauch davon zu spüren auf meiner Picknickdecke im Perlacher Forst. Bei Föhn, wo sowieso alles zur Illusion verkommt.

Dokumentarfilm: „The Self Portrai“t über die norwegische Fotografin Lene Marie Fossen (Dokfest München)

Dokumentarfilm: „The Self PortraitOLYMPUS DIGITAL CAMERA“ über die norwegische Fotografin Lene Marie Fossen (Dokfest München)
Jeder Mensch sucht sich den Raum, der zu ihm passt und auch das Licht, das ihm wohlgeSonnen ist und in dem er sich mit seinen Möglichkeiten entfalten kann. Der Künstler inszeniert diesen Raum und das Licht mit Farben, Musik oder Worten. Der Fotograf interpretiert beides und verwandelt das Bild durch seinen speziellen Blick und durch sein persönliches Empfinden.
Die norwegische Fotografin Lene Marie Fossen schafft Bilder, wo sie ihren zerbrechlichen Körper einbettet in eine verfallene, verwitterte, vom Menschen aufgegebene Welt. Ein Stück Aufgehobensein, ein Ewigkeitshauch in einem Dasein, das sich jederzeit endgültig auflösen kann. Dies Tatsache gilt für jeden. Aber bei ihr ist sie immer sichtbar. An ihrem Körper, der wie ein Grashalm im Wind ist. Sie in der Dokumentation zu beobachten, ist schwer auszuhalten. Seit 20 Jahren hat Lene Marie Fossen Anorexie, sich geweigert genug Nahrung zu sich zu nehmen. Schwerelos bewegt sie sich mit ihrer Kamera von Ort zu Ort. Ihr Körper wie ein Gerüst, das ihren Geist und ihren Blick über die Erde trägt. Ihre Bilder verleihen ihrem Dasein Gewicht und tiefe Bedeutung. Die Kamera fängt das auf, hält fest, lässt das erstarren, was sie denkt und fühlt, wie sie sich selbst wahrnimmt. Ruhelos blickt sie sich um nach Gesichtern und vor allem Räumen mit großen, immer staunenden Augen: „But it´s so difficult to give life the space to become what it wants to be.”

https://programme.dokfest-muenchen.de/de_DE/dokfest-films/14328

„Don´t forget to die“ von Karin Breece in den Münchner Kammerspielen

Kammerspiele München
Gestern am späten Nachmittag entschloss ich mich spontan ins Theater zu gehen, in die Münchner Kammerspiele. Ein Freund empfahl mir das Stück „Don´t forget to die“. Ich ging zuerst in die Küche und holte mir ein Bier aus dem Kühlschrank. Ich setzte mich in die erste Reihe. Auf mein Sofa. Ich schaltete meinen Laptop ein. Google war das Foyer, der Flaschenöffner der Kartenabreißer und die Maus die Platzanweiserin. Ich war alleine. Vor dem Fenster ging die Sonne unter. Ich saß ganz vorne und die Bühne war trotzdem klein. Der Stream begann mit einem Klick. Menschen erschienen auf meinem Bildschirm: Vier alte Frauen und ein alter Mann, alle zwischen 74 und 94 Jahren. Sie sprachen über ihr Leben, aber hauptsächlich über das, was danach kommen könnte. Den Tod. Jeder ganz persönlich. Umgeben von der Anteilnahme der anderen und der Zuschauer, die ich nicht sah. Jede Geschichte dieser hellen Gestalten in ihren mitgenommen Körpern entfaltete sich. Jede Erzählung nahm Platz wie eine schillernde Stubenfliege. Ich war im Theater bei mir zu Hause, wo Menschen von ihren Liebe zum Leben, ihren Hobbys, von ihrer Angst, ihrem Glauben an ein höheres Wesen, an die Evolution, an die Reinkarnation oder an das Nichts erzählten. Und alle mit dem Wissen, dass irgendwann sowieso das letzte Wort gesprochen wird. Das fühlte sich in meinem inzwischen schon dunklen Zimmer nicht tragisch an. Die Menschen dort auf der Bühne, auf meinem Tisch beruhigten mich. Dann war das Stück zu Ende und ich klappte den Deckel des Laptops zu. Als würde sich sozusagen der Theatervorhang ziemlich schnell senken…

…denn sie wissen nicht, was sie tun.

Gestern den Film „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ gestreamt. Es ist eine Ecke her, dass ich ihn zuletzt gesehen habe. Damals, als ich noch ziemlich jung und sehr unsicher durch mein Leben tapste. James Dean war da schon eine Offenbarung. Er verkörperte durch seine Rolle als erziehungsschwieriger Schüler einen Mangel, dessen ich mir nicht bewusst war und der sich aber immer wieder durch eine gewisse Orientierungslosigkeit oder unglückliche Verliebtheiten bemerkbar machte. Was ich da von ihm sah, war niemals ein Spiel, sondern immer ein großer Ernst, so wie damals das eigene junge Leben ein enorm großer Ernst gewesen ist. Wenn er sich in seinem Wagen eine Zigarette anzündete, blickte ich in meine eigene, damals ziemlich unbestimmte Seele. Nie hatte ich das Gefühl, er verkörpere diese Figur, nein er war sie ganz und gar. Jetzt beim neuerlichen Schauen wurde mir klar, was mir an ihm immer gefiel. Kein Imponiergehabe eines Halbstarken, das nur die eigene Verletzlichkeit kaschiert, sondern pure Aufrichtigkeit. Und immer noch, wenn ich einen Kleiderladen betrete, suche ich vergeblich diese verdammt coole, rote Windjacke.

denn sie wissen nicht

Hanya Yanagihara

Sätze, Bücher, Musik setzen sich auf mich wie die Tauben auf dem menschenleeren Markusplatz. Die Zeit ist weit und leer und doch so angefüllt mit Gedanken, die ich gerne teile. Denn das Teilen mit anderen Menschen fehlt mir tatsächlich. Mein Inneres ist so voll wie das außen leer ist und umgekehrt. So nehme ich mir vor, um viel loszuwerden und zu teilen, und einen festen, täglichen Punkt in der Weite der Zeit zu haben, über irgendwas zu schreiben, was mir in der Stille, in der Ereignislosigkeit, in dem Lärm meiner Grübeleien, meiner gelegentlichen Freude und meines gelegentlichen Kummers so alles begegnet, mir nahe kommt, mich berührt oder abstößt,  das kann ein Buch sein, ein Podcast, vielleicht ein Musikstück, ein Song, ein Satz, ein Bild oder von mir auch aus ein einzelnes Wort sein.

Nun ist es ein Buch: „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara. Ein umfangreiches, großartiges Werk über Freundschaft zwischen vier Männern. Im Vordergrund steht Jude, ein brillanter Jurist mit einer entsetzlich dunklen Kindheit. Sein Erwachsenenleben ist eine Umkehrung in das Gegenteil. Er wird umschlossen von einem Kokon aus Zuneigung, Bewunderung, Liebe, Verständnis und Respekt. Und trotzdem bleibt eine Lücke, wo immer wieder der Schrecken einen Zugang findet und versucht, das Zerstörungswerk fortzusetzen. Manchmal kommen die Resilienz und die Liebe dagegen an, manchmal kämpfen beide vergeblich.

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Ferdinand von Schirach: Kaffee und Zigaretten

Ein zurecht gehyptes schmales Buch, kein Schmöker,keine Schnörkel, glasklar, ohne Kompromisse in seiner Sprache, berührend in seiner Nüchternheit, jeder Satz wie ein Stück Blei, das man einen tiefen Brunnen hinunterfallen hört.Nichts ist unwahrscheinlich, alles wahrscheinlich. Das Leben ein Stück makelloses Glas, durch den das Licht der anderen hindurchschimmert.15787530792507337203841971646195

Das unsichere sechzehnjährige Mädchen Greta Thunberg

Da spricht Greta Thunberg mit all ihrer unverstellten Wut und Empörung vor der Erwachsenenwelt und klagt diese völlig undifferenziert an. Und die rechtern Kreise und Verschwörungstheoretiker schwirren aus ihren dunklen Ecken und vermuten böse Hintermänner. Greta Thunberg kann sich dagegen genauso wenig wehren wie der Himmel gegen die Chemtrailfreaks oder die kugelige Erde gegen die Flat-Earther. Wissenschaft spielt keine Rolle. Der gesunde Menschenverstand auch nicht.

Dörte Hansen: Mittagsstunde

Nach fünf Wochen in Nordfriesland dieses Buch gelesen. Die behutsame Sprache der Autorin Dörte Hansen erweckt den Wind der See und öffnet die Augen für die Weite der Landschaft und ihrer BewohnerMittagsstunde. Aber eine Landschaft, die nichts zu tun hat mit meinem touristischen Wanderblick. In dem Buch sind Gesichter und Felder zerfurcht von Stürmen und den Errungenschaften der modernen Zeiten. Ein Graben geht zwischen allen hindurch. Auf der einen Seite die, die seit Jahrhunderen ihrer bäuerlichen Bestimmung folgen und auf der anderen Seite die anderen, die keine Ahnung mehr davon haben, was ihre Bestimmung denn nun sei. So hoch und wertvoll ist der Preis der Freiheit. Die Landschaft ist ein Spiegel für die Menschen dort. Dörte Hansens Sprachkunst ist ihr Spiegelbild. Jeden in diesem Buch mag ich, jedem folge ich gerne, einfach nur, weil er lebt, entweder sich fügend den Gegebenheiten oder sich auflehend, meist einsam und immer irgendwie vergeblich, lohnend allemal.

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