Der Hund

Mein Sohn und ich haben einen Hund in Pflege. Einen japanischen Shiba Inu. Er sieht aus wie ein Fuchs. Sagen alle Leute, die ihn sehen. Außerdem besitzt er einen komplexen Charakter. Denn er stellt immer wieder die Hierachien in Frage. Es ist für ihn nicht selbstverständlich, dass der Mensch, der sich gerade mit ihm abgibt, mit ihm spielt oder spazieren geht, das Alphatier für ihn bedeutet. Ich muss mir das bei ihm erarbeiten und mich dazu in die Ursuppe der Evolution begeben. Der Hund verlangt von mir Strenge und Konsequenz ohne Wenn und Aber. Ohne Diskussion, Kompromiss und ohne Einfluss von aufklärerischem Gedankengut. So endet zum Beispiel das Spazierengehen ohne Leine in einem Kampf. Wer ist stärker: Der Hund, der schneller, flinker und frecher ist als ich. Oder ich sein momentaner Ernährer und Wärmespender? Dem Hund ist meine Funktion im Augenblick der Auseinandersetzung völlig egal. Er will ganz oben sein und bestimmen wo und in welchem Tempo es langgeht. Nachdem ich ihn nämlich im Park von der Leine gelassen, damit er sich austoben kann, weigert er sich wieder zurückzukommen und sich anbinden zu lassen. Er kommt näher und sobald ich auf ihn zugehe, haut er wieder ab. Das geht eine dreiviertel Stunde so. Der Hund interessiert sich dabei null für meine Argumente, die ich ihm am Ende schreiend vortrage noch für meinen Terminkalender, der mir gerade an diesem Nachmittag im Nacken sitzt. Irgendwann, völlig außer Atem gelingt es mir dann doch, ihn am Halsband zu packen und ihn an der Leine nach Hause zu zehren. In der Rangfolge des Hundes, so wird mir an diesem Nachmittag klar, bin ich sehr weit unten angesiedelt. Es bräuchte Monate, nein Jahre, um mich auf Wiesen und in Parkanlagen nach oben zu rennen und zu kämpfen.