Geschichten aus dem Wienerwald in den Münchner Kammerspielen

Das Leben ist a Graus und grundsätzlich nur deshalb, weil die Menschen voller Niedertracht sind. Nämlich dann, wenn es ihnen miserabel geht. Oder sie blind einer Ideologie anhängen. Sie sich in Hungerleider verwandeln oder zu viel an moralischen Geboten in ihren Gehirnen durch die Gegend schleppen. Die wie eine Monstranz hochgestreckte Anständigkeit ist nur eine dünne Schicht. Schwupp bei der nächsten Wirtschaftskrise, beim nächsten Krieg oder Heilsversprechen bleiben nur noch Fetzen und Worthülsen von ihr übrig: Nach Horvarth sind die Menschen gefährliche, selbstgerechte Wesen. Und die Dummheit hindert sie generell daran das zu erkennen und sich vor sich selber in Acht zu nehmen. Ich gehöre zu dieser Gattung und weiß, dass ich keinen Deut anders bin.
Der Blick auf die Schauspieler, die sich getroffen haben, um Horvarths Text nachzuspielen, offenbart sich immer als Blick auf mich selbst. Denn das Spiel da unten dreht sich um alle Formen menschlicher Gewalt, subtil, verbal, körperlich. Marianne, das unschuldige Mädchen, die unehelich schwanger wird, ist das Ziel. Sie gerät zwischen die Mühlsteine destruktiver menschlicher Empfindungen: Eifersucht, Bigotterie, Gier, Geilheit, Scham. Diese Empfindungen sind so absolut und verstecken sich so geschickt in den Falten der Selbstgerechtigkeit, dass am Ende jeder meint, er sei der unschuldig Leidende.
In der Inszenierung von Stephan Kimmig sind die Menschen primär sich bewegende, herumzappelnde und sich Raum schaffende Körper, aus denen Texte herausquillen wie Säure. Die Konstellationen sind starr, festgekleistert durch Erziehung, Charakter, Hybris und Kirche. Wer ausbricht wird blutig geschlagen oder gewaltsam gezwungen sich im Gleichschritt einzureihen.
Horvarth durchschaute das, er hätte daran verzweifeln müssen. Stattdessen schrieb er für die Bühne. Die Kunst als Möglichkeit für einige Stunden von dem Teufelsrad des Lebens zu springen.