GESCHICHTEN VOM OKTOBERFEST 2.

GESCHICHTEN VOM OKTOBERFEST
2.
Seit meinem vierten Lebensmonat war ich fast immer auf dem Oktoberfest. Auch an dem Samstag in den siebziger Jahren, von dem ich erzählen will. Damals war Tracht auf der Wiesn nicht angesagt. So trug mein Papa ein kariertes Hemd, eine Krawatte und einen Jackett, meine Mama einen farbigen Rock, eine weiße Bluse und ein buntes Tuch um den Hals. Ihre weißblonden Haare hatte sie nach oben gesteckt. Sie sah ein wenig aus wie Brigitte Bardot. Mein älterer Bruder und ich trugen kurze Lederhosen. Aber die hatten wir im Sommer sowieso immer an. Ich war acht Jahre alt, mein älterer Bruder zehn und meine Schwester fünf. In dem Kinderwagen lag mein kleiner Bruder, eine wenig älter als ein Jahr. So kämpften wir uns an dem sonnigen Nachmittag unter weißblauem Himmel nach einer Runde Karussell-Achterbahn- und Riesenfahrradfahren zum Schottenhammel Zelt. Das war Tradition, denn mein Vater war in einer schlagenden Verbindung. Dafür war in einer sogenannten Box ein Tisch für die gegenwärtigen und ehemaligen Studenten reserviert. Es ging dort sehr gesittet zu, während außerhalb der Box der Punk abging, wie ich heute sagen würde. Die Langeweile unter den sogenannten Corpsbrüdern war einer der vielen Gründe, warum ich niemals einer Studentenverbindung angehören wollte.
Wir Kinder bekamen jeweils eine große Breze, an der wir den ganzen Nachmittag herumkauten. Als die Stimmung auf den Bänken in der Mitte des Zelts in die gewohnte Zügellosigkeit abzurutschen drohte, verließen wir schnell das Zelt. Draußen dämmerte es schon. Wie schön das am Abend immer ist, wenn die bunten Lichter des Oktoberfestes sich wie auf der Palette eines Malers mit dem Licht der untergehenden Sonne vermischen.
Auf dem Weg zur U-Bahn kamen wir an einem Souvenirstand vorbei. Mein Vater kaufte zwei Trompeten aus Plastik, eine rote Bayern Trompete und eine blaue Sechzger Trompete. Mein großer Bruder bekam die rote und ich die blaue. Aber nach meinem Willen sollte es umgekehrt sein. Ich war Fan der Bayern, weil Sepp Maier dort Torwart war. Er war ein Spaßvogel und jagte im Olympiastadion Enten. „Ich will die Rote. Ich bin Bayern Fan. Der Michi mag doch die Sechzger“, schrie ich so laut, als würde ich gerade eine Achterbahn hinunterfahren. „Nein, das bleibt jetzt so. Dein Bruder kriegt die Rote. Wir fahren jetzt zu den Großeltern. Dort gibt es Fleischpflanzerl mit Kartoffelsalat“, bestimmte mein Vater. Ich stürzte mich auf meinen Bruder und brüllte: „Ich will keine Fleischpflanzerl. Ich will die rote Bayern Trompete.“ In dem Gerangel gelang es mir, meinem Bruder die rote Trompete zu entreißen und ihm die blaue vor die Füße zu werfen. Und dann rannte ich einfach weg. Immer weiter hinein in das Gewühle zwischen den Betrunkenen, den Autoscootern, den Kettenkarussells, Geisterbahnen, Schießständen und Imbissbuden. Das Rufen meiner Eltern hinter mir löste sich in dem Lärm für immer und ewig auf wie eine Packung Ahoibrause auf meiner Kinderzunge. Natürlich hatte ich Angst, aber ich hatte die rote Bayerntrompete. Irgendwann blieb ich stehen, weil ich außer Atem war. Da erst wurden mir mein Alleinsein und meine Verlorenheit bewusst. Ich Achtjähriger allein auf dem größten Volksfest auf der ganzen, weiten, großen Welt. Aber da ich sah den Turm mit dem Löwen. Immer und immer wieder trank er aus einem großen Steinkrug Löwenbräubier und brüllte dabei. Dahinter die Bavaria, beleuchtet von Scheinwerfern. Sie kannte ich sehr gut, weil ich mal mit meiner Klasse in ihrem Kopf gewesen war. Ich rannte zu ihr die Stufen hinauf, als würde Bavaria mich beschützen können vor dem Mutterseelenalleinsein. So stand ich kleiner Knirps zu ihren Füßen und blickte hinunter auf dieses Meer an Lichtern, dazu das heraufwehende Rauschen aus Blasmusik, Gesängen, Achterbahngetöse und die krächzenden Stimmen der Karussellbesitzer an ihren Mikrofonen. Irgendwo da unten meine fassungslosen Eltern. Dort oben blies ich zum ersten Mal in die kleine rote Trompete und glaubte alle könnten in diesem Augenblick ihren Ton hören.
Ist möglicherweise ein Bild von Denkmal und Himmel