GESCHICHTEN VOM OKTOBERFEST 3.

Vor drei Jahren kaufte ich einen Weihnachtsbaum in Deisenhofen vor den Toren Münchens. Kurz vor der Ortseinfahrt, wenn man von der Autobahn kommt, gibt es dort an einem Blumenfeld eine freie Fläche. Im Frühling werden dort Erdbeeren und Gladiolen, im Winter Bäume in allen Größen und Schönheiten verkauft. Es war ein kalter Wintertag. Aus dem dünnen Schornstein des grün gestrichenen Bauwagens stieg gelblicher Rauch senkrecht nach oben wie an einer Schnur gezogen. Ich war der einzige Kunde und klopfte an die Tür des Wagens. Ein großer, alter Mann mit einem grauen, dichten Schnauzbart, buschigen Augenbrauen und glühenden roten Wangen riss die Türe auf: „Was wollen Sie?“, fragte er ungeduldig. „Ich möchte einen Baum für Weihnachten kaufen. Was denn sonst?“, gab ich zur Antwort. „Was heißt hier, was denn sonst? Sagen Sie mir, was für einen Baum Sie wollen!“, erwiderte er und sah mich mit seinen grauen Augen müde und ungeduldig an. Ich hatte diesen Menschen irgendwo schon mal gesehen. Ich wusste aber nicht woher. Er machte mir zugegeben ein wenig Angst. „Ja so einen mittelgroßen. Am besten eine Nordmanntanne. Schön gewachsen“, antwortete ich leise. Der Weihnachtsbaumverkäufer zog sich eine löchrige, braune Wollmütze über, verließ den Bauwagen und knallte die Tür hinter sich zu. Er stapfte zielstrebig zu einem Baum ganz hinten in der Ecke der Verkaufsfläche. Mit einem Ruck hob er ihn aus dem Ständer. „Den verkauf ich Ihnen. Der entspricht ihren Vorstellungen. Ich kürz den Stamm“, brummte er. Mit dem Baum über der Schulter lief er zurück Richtung Bauwagen. Dort schleuderte er den Baum auf zwei Böcke. Von einem daneben stehenden Tischchen nahm er eine Motorsäge. Er zog an ihrer Schnur. Sie sprang sofort an. Er ließ sie bedrohlich aufheulen. Dann setzte er die Säge an den Stamm der Nordmanntanne. Das Geräusch der Säge durchschnitt die kalte, trockene Luft. Da wusste ich, wer der Christbaumverkäufer war. Es war Ringo. Der Henker vom Schichtl. Von dem internationalen Provinztheater auf dem Oktoberfest. In jeder Vorstellung wird ein Besucher öffentlich mittels einer Guillotine hingerichtet. Der Christbaumverkäufer von Deisenhofen hatte die gleiche Körperhaltung beim Zersägen des Baumes wie beim Bedienen der Guillotine. Leicht gebeugt, mit durchgestreckten Knien und nach vorne gerenktem Kinn.
Der abgeschnittene Stumpf der Tanne fiel mit einem gleichen hohlen Geräusch zu Boden wie der Kopf eines Hingerichteten in den dafür vorgesehenen Korb. Als der Henker fertig war und mir den Baum überreichte fragte ich ihn: „Sie sind doch der Ringo von der Wiesn.“ „Des koa scho sei. Macht 45 €. Auf Wiederschaun.“ Ich gab Ringo einen 50 Euroschein und sagte: „Passt scho.“
Ist möglicherweise ein Bild von 1 Person, steht und außen
3Anna Maria Bergold, Robert Öttinger und 1 weitere Person
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