GESCHICHTEN VOM OKTOBERFEST 4

GESCHICHTEN VOM OKTOBERFEST

4.

Anton, der Jugendliche aus der ersten Oktoberfestgeschichte, ist inzwischen neunzehn Jahre alt. Er ist verliebt in ein Mädchen. Sie ist in eine Klasse unter ihm und heißt Renate. Seine Schüchternheit umgibt ihn wie eine schalldichte Wand, wenn er sie sieht. Alle Wörter sind aus seinem Kopf gelöscht und purzeln herum wie Buchstaben eines Scrabble-Spiels. Manchmal fährt er mit seinem Fahrrad an ihrem Haus vorbei. Einmal hat er sie gesehen, wie sie die Tulpenbeete im Vorgarten mit einer Gießkanne goss. Ihr dunkelblondes glattes Haar fiel über ihren glänzenden, braungebrannten Rücken. Ihre Schultern glänzten. Sie ist zu schön, zu selbstsicher für ihn.
Trotzdem schreibt er Renate am Anfang des Schuljahres einen Brief und wirft ihn in ihren Briefkasten. Er fragt sie darin, ob sie mit ihm aufs Oktoberfest geht. Als er ihr am nächsten Tag in der Schulpause begegnet, kommt sie auf ihn zu: „Du bist der Anton aus der Abiturklasse. Du hast mir den Brief geschrieben. Sehr süß. Ich gehe mit dir auf die Wiesn. Am Donnerstagabend 19.00 Uhr vor dem Hofbräuzelt. Du musst mit Lederhose kommen. Ich trage ein Dirndl. Versprochen? Ciao, Anton.“ Sie geht davon, ohne dass er etwas erwidern kann. Anton zittert, als er nach der Pause in sein Klassenzimmer zurückkommt.
Er steht viertel vor sieben am Donnerstag vor dem Hofbräuzelt. Es ist ein schöner, warmer Herbstabend. Anton trägt die alte Hirschlederhose, die sein Vater schon getragen hat. Dazu ein bauweiß kariertes Hemd und Haferlschuhe. Renate ist um Punkt sieben da. Ein Edelweißamulett funkelt in ihrem Dekolletee. Ihr Dirndl hat eine violette Farbe. Darunter hat sie eine weiße Bluse angezogen. Ihre Lippen sind rot geschminkt. Anton grüßt: „Hallo, Renate, schön, dass es geklappt hat.“ Den Satz hat er vor dem Spiegel lange geübt. Er gelingt ihm einigermaßen, und er schaut ihr dabei sogar in ihre grünen Augen.
Sie gehen in das Zelt und finden schnell einen Platz in der Nähe der Kapelle. Die Stimmung ist ausgelassen. Viele tanzen schon auf den Bänken. Renate und Anton bestellen sich jeweils eine Maß und reden über die Schule und die Lehrer.
Als das letzte Lied gespielt wird, zieht sie Anton zu sich und flüstert ihm ins Ohr: „Wir fahren jetzt Riesenrad. Während der Fahrt ziehen wir uns aus und dann wieder an. Aber: Du dann mein Dirndl und ich deine Lederhosen, ja?“ Anton ist zu verliebt, um dagegen etwas zu sagen. Renate nimmt Anton an die Hand und zieht ihn aus dem Bierzelt. Draußen ist die Luft schneidend kalt. Er ist froh, dass Renate ihn an der Hand hält. Ihre ist warm und weich.
Am Riesenrad stehen nicht viele Leute, so dass sie bei der nächsten Fahrt dabei sind. Kaum setzt sich ihre Gondel in Bewegung beginnt Renate sich auszuziehen. Anton macht es ihr nach. Als sie nach der ersten Drehung unten ankommen, haben beide nur noch ihre Unterwäsche an. Sie ducken sich. Kurz vor dem oberen Scheitelpunkt des Riesenrades sind beide nackt. Renate holt schnell ihren Lippenstift aus ihrer kleinen Handtasche und bemalt damit Antons Lippen. Sie fordert ihn auf, ihn auf die Wange zu küssen. „Hab ich jetzt einen Lippenstiftabdruck auf meiner Backe?“, fragt sie und lacht. Anton nickt nur und lächelt. Oben hält das Riesenrad an. Renate und Anton stehen sich gegenüber. Anton sieht Renates schönen Körper an. Er sagt nichts. Er traut sich nicht, sie zu berühren und ihr zu sagen, wie sehr er sie liebt. Hinter ihr der Schattenriss der Bavaria. Unten die vielen tausend Lichter, Stimmen, Musik, die kalte, erregende Luft. Anton zieht schnell die Bluse und das Dirndl an, Renate das Hemd und die Lederhose. Als sie das Riesenrad verlassen müssen, sind beide noch barfuß und tragen ihre Schuhe bis zur U-Bahn.

 

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