Geschichten vom Oktoberfest

d4596d0cbee5a3f42d631e1e603ccaa0GESCHICHTEN VOM OKTOBERFEST

 

6.

Es ist das Jahr 1938. Auf einem Wagen beim traditionellen Trachtenumzug zur Eröffnung des Großdeutschen Volksfestes früher schlicht „Wiesn“ genannt, steht eine siebzehnjährige Jugendliche. Sie ist das erste Münchner Kindl auf dem weltweit bekannten Umzug. Sie trägt ein weites Kapuzengewand in den Farben Schwarz und Gold. Ihr pechschwarzes Haar ist zu einem Zopf zusammengebunden. Sie blickt mit ihren dunklen Augen ein wenig schüchtern auf die Menge, die ihr zujubelt. Viele strecken ihr den rechten Arm entgegen. Weiter vorne im Zug spielt eine Blaskapelle aus Oberammergau den bayerischen Defiliermarsch. Die weinroten Fahnen mit den Hakenkreuzen, die die Ludwigsstraße säumen, knattern unbeeindruckt im Fön. Die Stiefel der für Ordnung sorgenden SS Leute glänzen. Zaghaft winkt das Münchner Kindl und hält einen Keferloher Maßkrug in die Höhe.

Als kleines Mädchen stellte sie sich vor, ein kleiner Kerl würde auf ihrer Schulter sitzen. Mit dem konnte sie immer reden. Er schützte sie vor allen Gefahren des Lebens und warnte sie vor bösen Menschen. Niemals wich er von ihrer Seite. Nur für sie war er sicht- und hörbar.

Am Odeonsplatz wartet Hermann Göring in einem schwarzen Mercedes auf den Wagen mit dem Münchner Kindl. Die vielen Orden und Abzeichen auf seiner geschwellten Brust schimmern wie kleine Taschenspiegel. Er wird von den Lakaien auf den Wagen gehievt. Mit seinen Pranken drückt der mächtige Generalfeldmarschall das zarte Münchner Kindl mitsamt dem halbvollen Bierkrug an seinen Wams. Als Rosenheimer lässt er sich in der Hauptstadt der Bewegung huldigen wie einen aus Preußen heimgekehrten König. Die Menschen drängen sich an den Wagen, um den zweiten Mann nach dem Führer zu berühren.

Der jungen Frau in der schwarzgoldenen Robe bleibt die Luft weg. Es fällt ihr schwer zu atmen. Da hört sie nach langer Zeit die Stimme ihres kleinen Beschützers auf ihrer Schulter: „Lass den Maßkrug fallen. Lass ihn einfach los.“ Sie zögert nicht und öffnet die Hand. Der Bierkrug fällt auf den Boden. Er zerspringt. Der halbe Liter Bier bespritzt Göring gebügelte, beige Marschallshose bis zum Schritt. Dort bildet sich in Sekundenbruchteilen ein dunkler Fleck. Alles verstummt. Manche lachen und halten sich ihre Münder zu. Göring stößt das Münchner Kindl zur Seite. Im Nu sind einige seiner treuen Gefolgsleute mitsamt der Limousine zur Stelle. Wie einen Sack lassen sie ihren Chef von oben auf den Rücksitz plumpsen. Dann rast der Mercedes von Hermann Göring davon Richtung Prinzregentenplatz. Vorne hat die Oberammergauer Blaskapelle das Horst Wessel Lied zu Ehren, des Generalfeldmarschalls angestimmt. wurde. Sie spielt es trotzig zu Ende, während der Zug sich Richtung Theatinerstraße weiter bewegt.

Viele Jahre später wird das erste offizielle Münchner Kindl, das übrigens Ellis Kaut hieß, ihre kleine Gestalt für alle zum Leben erwecken und dem Kobold einen Namen geben.