Hanya Yanagihara

Sätze, Bücher, Musik setzen sich auf mich wie die Tauben auf dem menschenleeren Markusplatz. Die Zeit ist weit und leer und doch so angefüllt mit Gedanken, die ich gerne teile. Denn das Teilen mit anderen Menschen fehlt mir tatsächlich. Mein Inneres ist so voll wie das außen leer ist und umgekehrt. So nehme ich mir vor, um viel loszuwerden und zu teilen, und einen festen, täglichen Punkt in der Weite der Zeit zu haben, über irgendwas zu schreiben, was mir in der Stille, in der Ereignislosigkeit, in dem Lärm meiner Grübeleien, meiner gelegentlichen Freude und meines gelegentlichen Kummers so alles begegnet, mir nahe kommt, mich berührt oder abstößt,  das kann ein Buch sein, ein Podcast, vielleicht ein Musikstück, ein Song, ein Satz, ein Bild oder von mir auch aus ein einzelnes Wort sein.

Nun ist es ein Buch: „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara. Ein umfangreiches, großartiges Werk über Freundschaft zwischen vier Männern. Im Vordergrund steht Jude, ein brillanter Jurist mit einer entsetzlich dunklen Kindheit. Sein Erwachsenenleben ist eine Umkehrung in das Gegenteil. Er wird umschlossen von einem Kokon aus Zuneigung, Bewunderung, Liebe, Verständnis und Respekt. Und trotzdem bleibt eine Lücke, wo immer wieder der Schrecken einen Zugang findet und versucht, das Zerstörungswerk fortzusetzen. Manchmal kommen die Resilienz und die Liebe dagegen an, manchmal kämpfen beide vergeblich.

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