Nachmittage

Nachmittage
Heute Nachmittag „Nachmittage“ von Ferdinand von Schirach in dem kleinen Buchladen gegenüber vom Gasteig gekauft. Der Buchhändler dort sieht aus wie ein Buchhändler mit seinem beigen Hemd, seinem schütteren blonden Haaren und dem Gesichtsausdruck aus Vitamin D armer Belesenheit und Ernsthaftigkeit, die man nur in Büchern findet. Nach dem Kauf, setze ich mich in die kleine Pizzeria neben der Buchhandlung. Dort gibt es besondere Pizzastücke z.B. mit Kartoffelscheiben, Birne oder Feige als Belag. Ich nehme eine normale mit Gorgonzola und fange beim Essen schon mit dem Lesen an. Die Sätze von Schirach fallen in mich hinein, klimpernd wie Goldstücke in einen Brunnen. Jeder Satz trifft irgendeinen Nerv von mir. Schlagartig bekommt das Leben um mich einen Glanz. Einen Glanz in gestochen scharfem Schwarzweiß. In einer ersten Geschichten erwähnt der Autor den Film „Lost in Translation“, mein Lieblingsfilm. Nicht nur von mir, sondern auch von Ferdinand von Schirach. Was für ein Glückskauf dieses Buch. Neben mir sitzt eine Mutter mit ihrem blond gelockten Jungen. Er kaut von Flusskrebsen redend, die er gerade an der Isar leider tot gefunden hat, an einem Stück Salamipizza herum. Da sagt seine Mutter kurz nach der Stelle von „Lost in Translation“ zu ihrem Sohn: „Ich wette, dass du dein kleines Stück Pizza aufgegessen hat, bevor der Mann dort sein großes Stück fertig gegessen hat“ und zeigt auf mich. Dass reißt mich raus aus Schirachs „Nachmittag“ in den gegenwärtigen Nachmittag am Gasteig zurück. Ich sehe mich einem Wettessen mit dem sechsjährigen Knirps ausgesetzt. Wortlos stelle ich mich dem Duell und esse das Stück Gorgonzolapizza in zwei Minuten auf, Der um den Mund herum mit Tomatensoße verschmierte Junge ist chancenlos und schaut mich mit seinen großen Kulleraugen zusammen mit seiner Mama sprachlos an. Ich packe die „Nachmittage“ in meine Satteltasche und radel mit einem etwas flauen Magen den Gasteig hoch.Nachmittage
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