STONER Ein Roman von John Willams

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Ein Roman über das vermeintlich durchschnittliche Leben eines Mannes namens William Stoner.
Über die Sprache, die so klar und unprätentiös ist, gelangt man als Leser in die Nähe eines Menschen, der Satz für Satz vertrauter wird und dem man ganz und gar zu verstehen scheint. Sein Leben bestimmt die Liebe, ob zur Literatur oder zu den Frauen. Die Liebe trifft ihn und Entscheidungen werden getroffen. Ob für seine Ehefrau, für seinen Beruf als Literaturwissenschaftler, für seine Geliebte. Vieles stellt sich im Laufe der Zeit als unzutreffend heraus, aber William Stoner bleibt. Bei seiner Frau, bei seinem Beruf, in seinem Haus, bei seinem Leben. Er lebt konsequent, auch wenn er scheitert. Er akzeptiert, das was kommt, ihn angreift und das was von ihm geht. Die Fallen der Verbitterung lässt er aus, weil er immer wieder in Phasen der bloßen Beobachtung zurückfindet. Ohne Urteil, ohne Abneigung, ohne Hass. Ohne Alkohol. Ohne die Verführungen der Sucht.
John Williams ist ein Bildhauer. Mit Hilfe seiner sanften, aber direkten Sprache haut er aus einem unförmigen Stein konsequent die klare Gestalt eines Mannes. Die Menschen um ihn herum verzweifeln, seine Frau verfällt der Apathie, Hysterie und Sprachlosigkeit, seine Tochter dem Alkohol. Am Ende steht der Tod. Auch ihm begegnet er im ersten und letzten Augenblick mit reiner Liebe.

BLANCANIEVES: Ein moderner Stummfilm von Pablo Berger

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Das perfekte cineastische Gesamtkunstwerk. Bewegte Bilder von Dürrer. Schwarzweiß. Ein Stummfilm begleitet von Orchestermusik. So nahe, so genau, dass mir vom Zuschauen schwindlig wird. Erzählt wird das Märchen von Schneewittchen, in Spanien,  eng verwoben mit der Tradition der Corrida, des spanischen Stierkampfes. Da taucht man ganz ein in den Tanz von aufregenden, ganz fein gezeichneten, oft ungeheuren Bildern vor gewaltigen spanischen Landschaften, wo die Menschen als schwarze Punkt  so sehr verloren und einsam durch die Weiten laufen. Und ist endlich irgendein Glück eingetroffen, bricht im nächsten Moment das Böse ein, um alles mit einem Schlag zu vernichten. Das Schicksal kennt nur die Farben schwarz und weiß, keine Grammatik, keine Sätze, keine Sprache. Das Lebensgesetz des Stummfilms. Mit ungeheurer Radikalität vom Regisseur Berger umgesetzt. Anschauen, eintauchen und sich fühlen wie ein Kind, das mit großen Augen und angezogenen Knien einer geliebten Person beim Märchenerzählen lauscht.

Gipfelerlebnis

Gipfelerlebnis

Ein Mann in einem Rollstuhl,

Auf dem Gipfel eines Berges.

Den ich gerade bestieg.

Ganz allein.

Nirgendwo eine Seilbahn.

Blickt schweigend ins Tal.

Ein großes Butterbrot in der Hand.

Wenn mich nicht alles täuscht,

Muss der Typ Gott sein

Wer denn sonst?

Gedanken zur Schöpferkraft

Heute beim Spazierengehen an der Isar gegenüber der Lukaskirche. Da sah ich nur den Himmel an, Richtung Süden, Heizkraftwerk. Er brannte in dunkelorangen Tönen. Plötzlich war klar, für einen Moment, es geht ausschließlich um das Sehen. Das bloße Beobachten. Ohne einen Funken von Beurteilung im positiven als auch im negativen Sinne. Also bloß kein „WOW IST DER HIMMEL HEUTE ABER“ oder „WAS FÜR EIN ZAUBER“ oder „WELCHER VOLLTROTTEL VON STADTPLANER HAT DIESE FUCKING HEIZFABRIK ANS UFER GEKLATSCHT.“ Nein. Die Bilder in sich hineinströmen lassen. Wobei die Bilder auch Töne und Stimmen sein können. Und wenn sie mal ungehindert in einem drin sind, breiten sie sich aus. Und dann schaffen sie irgendetwas in einem. Egal was, aber sie erschaffen neue Bilder. Als würden die Farben wieder flüssig und zu ganz neuen Formen und Motiven zusammenfließen.

Aber wie verdammt selten sind solche AUGENBLICKE des richtigen Sehens!

FEGEFEUER IN INGOLSTADT in den Münchner Kammerspielen

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Räume können wie die Hölle sein. Räume, die ranzig wirken mit dreckigen Tapeten im Neonlicht. Das einzige, was die Wand schmückt, ist ein kleines Blechkruzifix. So sieht das Bühnenbild in Marieluise Fleißers Stück “Fegefeuer in Ingolstadt” aus. Es bleibt so, so wie das Leben immer seinen gleichen Gang geht, wenn man gefangen ist in Räumen, die keine zu öffnenden Türen besitzen weder nach draußen, noch zu sich selbst. Die Figuren, die in diesen Räumen auftreten, sind Puppen mit spärlichen Gesten, mehr Beteiligte einer Fotografie als eines auf Bewegung und Veränderung basierenden Lebens. Ihre Sprache manchmal brutal in ihrer Direktheit, dann wieder verdreht in ihrer fremden Entrücktheit. Nein, ein schön anzusehendes und nett anzuhörendes Stück ist das nicht. Es rückt einem ganz schön auf den Pelz. Am liebsten würde man da abhauen, sich auf auf das nächstbeste Plüschsofa setzen und besten italienischen Rotwein trinken, um sich angesichts der vorgeführten Tristesse einen Zipfel Genuss zu schnappen. Hilfe, so darf und soll mein Leben niemals aussehen! Die Personen, die dort spielen, sind der Gefahr des Stillstands erlegen entweder aufgrund ihres Ekels vor allem, was lebendig ist, oder den aufgedrückten Umständen aus Bigotterie und familienbedingter Misshandlung.

Zum Tod von DIETER HILDEBRANDT am 20.11.2013

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In einer Welt, in der ein Franz Josef Strauß in den konservativen, sogenannten gutbürgerlichen Familien herumfuhrwerkte und Menschen, die einem totalitären Macht hinterhertrauerten, Halt und Identität gab. Eltern, Großeltern, die ganze Familie erlagen ihm, Nachbarn stellten ihre Gärten für große Straußplakate zur Verfügung, Menschen übernahmen bereitwillig die Straußsche Rhetorik, um Menschen, die sich die Haare wachsen ließen oder zum Demonstrieren auf die Straße gingen, auszugrenzen und zu denunzieren.

Und da gab es einen, der mit spitzer Feder, einer großen Portion Zorn, fragmentarischen Sätzen und vermeintlichen Versprechern diese selbstgefällige Spießigkeit bekämpfte. Das war wohltuend, be-und aufrührend zugleich. Bayern wäre ein mit Kanälen, Wiederaubereitungsanlagen, Autobahnen und zusätzlichen Atomkraftwerken zugepflastertes Land, wenn nicht so einer wie Dieter Hildebrandt dagegen gehalten hätte, trotz christlich-sozialer Zensurversuche.

 

BLUE YASMIN von Woody Allen

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Der Film lebt von Cate Blanchett. Alle Gefühle. die man gegenüber einem Menschen haben kann, vereinigen sich in ihr. Zwei Leben, eins aus der glamourösen auf Betrug aufgebauten Vergangenheit, eins aus der Gegenwart, ohne Boden, ohne jeglichen Halt, wo nur Lügen es chaffen, einen wenn auch maroden Untergrund kurzzeitig herzustellen.  Ein Leben, das aus den Fugen gerät und seine Form findet im Gesicht und dem körperlichen Ausdruck Cate Blanchetts. Manchmal bricht die Verwüstung ihres Daseins vollkommen Bahn auf ihrer Mimik. Ihr Bemühen trotz allem Haltung zu bewahren wirkt lächerlicher als ein wirklicher Zusammenbruch. Die Gestik eines Lebens in Ferienhäusern, teuren Hotels, ausschweifenden Parties an der Seite ihres Mannes, eines playboyhaften Finanzmaklers lebt losgelöst, sinn-und seelenlos in ihr weiter.

Was Cate Blanchett da zeigt, ist große, große Schauspielkunst!

 

 

 

WER IST MARTHA von Marjana Gaponenko

Ein Buch über das Alter und der unmittelbaren Nähe zum Tod. Es geht um Luka Lewadski aus der Ukraine, der sich sein ganzes Leben über mit  Rabenvögeln beschäftigt hat. Nun ist er hopplahopp 96 geworden. Ihm bleibt wegen einer schweren Krankheit nicht mehr sehr viel Zeit. Er reist nach Wien, um seinem Leben noch einmal das Genießen zu erklären. Er lernt dort einen Altersgenossen kennen, mit er seine Launen, Abneigungen und Freuden teilt. Fazit: Auch wenn das Leben sich dem Ende neigt, ändert sich es nicht wesentlich, man bleibt immer der gleiche Mensch im gleichen Körper. Die Weisheit liegt wohl im grenzenlosen Vertrauen, dass man den Dingen stets auf die gleiche Weise begegnet.

“Ja, wir vergessen oft, dass jeder Mensch, dem wir begegnen, ein besonderer Mensch werden könnte. Für uns.”

Workshop “Physical Theatre” bei John Britton

Tanzen und dabei ganz wahrhaftig bleiben und nie das Vergnügen vergessen. Und vor allem der Falle sich zu bewerten entgehen. Alles bedingt einander und alles ist einmalig und wunderbar, solange es mit großer Liebe und Aufmerksamkeit geschieht. Ein Seminar, das mein Leben wieder ein Stückchen verändert hat, spürbar daran, dass mich nach dem Verlassen eine große, konsequente Müdigkeit überfiel.

Bodo Kirchhoff: Die Liebe in groben Zügen

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O Freude, Freude, Freude...
War da noch Freude
in dieser unsinnigen Nacht,
die uns bereitet war? 
              (Pier Paolo Pasolini)

Ein gewaltiges Werk von fast 700 Seiten über ein Paar, das schon länger als eine halbe Existenz zusammen ist. Das Leben der beiden, Vila und Renz, ist durchzogen von fest etablierten Ritualen, die sich  im durchaus positiven Sinne um die beiden wie Ketten schließen: Das Trinken von Rotwein in dem eigenen Haus über dem Gardasee, die Fahrten mit dem Boot, die Einladungen von Freunden, die mehr oder weniger unbedeutenden Seitensprünge und Liebeleien, die Sorgen um die Tochter und und und. Und über die Wiederholungen schiebt sich das Älterwerden, erst unmerklich und dann immer offensichtlicher, ja bedrückender. Vila entkommt ihrer Angst, indem sie sich stürmisch verliebt in einen Eigenbrötler, der gerade an einem Roman über die Liebesgeschichte des heiligen Franziskus von Assisi arbeitet. Der Ehemann kümmert sich derweil um die Geliebte, die als Kettenraucherin ihrem sicheren Krebstot entgegenlebt. Dort das Vorwärtsschreiten des Lebens und er Zeit sind dadurch nicht aufhaltbar, aber sie vermitteln das Gefühl noch ganz tief im Leben zu schwimmen.

Bedeutsam ist die Sprache, die einen umfängt wie eine warme Decke und man dadurch dem Leben der beiden ganz nahe kommt ohne ihnen auf die Pelle zu rücken.

Das Buch beginnt mit dem Satz: Sehnsucht nach Liebe ist die einzig schwere Krankheit, mit der man alt werden kann, sogar gemeinsam.

Oder Sätze wie: Vila liebte und sah sich gleichzeitig zu, ein erstauntes Auge, das sich weder schließen oder abdecken ließ, das immerzu verfolgte, wie sie in den unverhofften Wahnsinn ihres Lebens trieb, in der eigenen Nacktheit versank.

Ein Buch, das in der Realität der Liebe die Poesie sucht und mit den Worten auf wunderbare Weise entdeckt.