FEGEFEUER IN INGOLSTADT in den Münchner Kammerspielen

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Räume können wie die Hölle sein. Räume, die ranzig wirken mit dreckigen Tapeten im Neonlicht. Das einzige, was die Wand schmückt, ist ein kleines Blechkruzifix. So sieht das Bühnenbild in Marieluise Fleißers Stück “Fegefeuer in Ingolstadt” aus. Es bleibt so, so wie das Leben immer seinen gleichen Gang geht, wenn man gefangen ist in Räumen, die keine zu öffnenden Türen besitzen weder nach draußen, noch zu sich selbst. Die Figuren, die in diesen Räumen auftreten, sind Puppen mit spärlichen Gesten, mehr Beteiligte einer Fotografie als eines auf Bewegung und Veränderung basierenden Lebens. Ihre Sprache manchmal brutal in ihrer Direktheit, dann wieder verdreht in ihrer fremden Entrücktheit. Nein, ein schön anzusehendes und nett anzuhörendes Stück ist das nicht. Es rückt einem ganz schön auf den Pelz. Am liebsten würde man da abhauen, sich auf auf das nächstbeste Plüschsofa setzen und besten italienischen Rotwein trinken, um sich angesichts der vorgeführten Tristesse einen Zipfel Genuss zu schnappen. Hilfe, so darf und soll mein Leben niemals aussehen! Die Personen, die dort spielen, sind der Gefahr des Stillstands erlegen entweder aufgrund ihres Ekels vor allem, was lebendig ist, oder den aufgedrückten Umständen aus Bigotterie und familienbedingter Misshandlung.

Zum Tod von DIETER HILDEBRANDT am 20.11.2013

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In einer Welt, in der ein Franz Josef Strauß in den konservativen, sogenannten gutbürgerlichen Familien herumfuhrwerkte und Menschen, die einem totalitären Macht hinterhertrauerten, Halt und Identität gab. Eltern, Großeltern, die ganze Familie erlagen ihm, Nachbarn stellten ihre Gärten für große Straußplakate zur Verfügung, Menschen übernahmen bereitwillig die Straußsche Rhetorik, um Menschen, die sich die Haare wachsen ließen oder zum Demonstrieren auf die Straße gingen, auszugrenzen und zu denunzieren.

Und da gab es einen, der mit spitzer Feder, einer großen Portion Zorn, fragmentarischen Sätzen und vermeintlichen Versprechern diese selbstgefällige Spießigkeit bekämpfte. Das war wohltuend, be-und aufrührend zugleich. Bayern wäre ein mit Kanälen, Wiederaubereitungsanlagen, Autobahnen und zusätzlichen Atomkraftwerken zugepflastertes Land, wenn nicht so einer wie Dieter Hildebrandt dagegen gehalten hätte, trotz christlich-sozialer Zensurversuche.

 

BLUE YASMIN von Woody Allen

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Der Film lebt von Cate Blanchett. Alle Gefühle. die man gegenüber einem Menschen haben kann, vereinigen sich in ihr. Zwei Leben, eins aus der glamourösen auf Betrug aufgebauten Vergangenheit, eins aus der Gegenwart, ohne Boden, ohne jeglichen Halt, wo nur Lügen es chaffen, einen wenn auch maroden Untergrund kurzzeitig herzustellen.  Ein Leben, das aus den Fugen gerät und seine Form findet im Gesicht und dem körperlichen Ausdruck Cate Blanchetts. Manchmal bricht die Verwüstung ihres Daseins vollkommen Bahn auf ihrer Mimik. Ihr Bemühen trotz allem Haltung zu bewahren wirkt lächerlicher als ein wirklicher Zusammenbruch. Die Gestik eines Lebens in Ferienhäusern, teuren Hotels, ausschweifenden Parties an der Seite ihres Mannes, eines playboyhaften Finanzmaklers lebt losgelöst, sinn-und seelenlos in ihr weiter.

Was Cate Blanchett da zeigt, ist große, große Schauspielkunst!

 

 

 

WER IST MARTHA von Marjana Gaponenko

Ein Buch über das Alter und der unmittelbaren Nähe zum Tod. Es geht um Luka Lewadski aus der Ukraine, der sich sein ganzes Leben über mit  Rabenvögeln beschäftigt hat. Nun ist er hopplahopp 96 geworden. Ihm bleibt wegen einer schweren Krankheit nicht mehr sehr viel Zeit. Er reist nach Wien, um seinem Leben noch einmal das Genießen zu erklären. Er lernt dort einen Altersgenossen kennen, mit er seine Launen, Abneigungen und Freuden teilt. Fazit: Auch wenn das Leben sich dem Ende neigt, ändert sich es nicht wesentlich, man bleibt immer der gleiche Mensch im gleichen Körper. Die Weisheit liegt wohl im grenzenlosen Vertrauen, dass man den Dingen stets auf die gleiche Weise begegnet.

“Ja, wir vergessen oft, dass jeder Mensch, dem wir begegnen, ein besonderer Mensch werden könnte. Für uns.”

Workshop “Physical Theatre” bei John Britton

Tanzen und dabei ganz wahrhaftig bleiben und nie das Vergnügen vergessen. Und vor allem der Falle sich zu bewerten entgehen. Alles bedingt einander und alles ist einmalig und wunderbar, solange es mit großer Liebe und Aufmerksamkeit geschieht. Ein Seminar, das mein Leben wieder ein Stückchen verändert hat, spürbar daran, dass mich nach dem Verlassen eine große, konsequente Müdigkeit überfiel.

Bodo Kirchhoff: Die Liebe in groben Zügen

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O Freude, Freude, Freude...
War da noch Freude
in dieser unsinnigen Nacht,
die uns bereitet war? 
              (Pier Paolo Pasolini)

Ein gewaltiges Werk von fast 700 Seiten über ein Paar, das schon länger als eine halbe Existenz zusammen ist. Das Leben der beiden, Vila und Renz, ist durchzogen von fest etablierten Ritualen, die sich  im durchaus positiven Sinne um die beiden wie Ketten schließen: Das Trinken von Rotwein in dem eigenen Haus über dem Gardasee, die Fahrten mit dem Boot, die Einladungen von Freunden, die mehr oder weniger unbedeutenden Seitensprünge und Liebeleien, die Sorgen um die Tochter und und und. Und über die Wiederholungen schiebt sich das Älterwerden, erst unmerklich und dann immer offensichtlicher, ja bedrückender. Vila entkommt ihrer Angst, indem sie sich stürmisch verliebt in einen Eigenbrötler, der gerade an einem Roman über die Liebesgeschichte des heiligen Franziskus von Assisi arbeitet. Der Ehemann kümmert sich derweil um die Geliebte, die als Kettenraucherin ihrem sicheren Krebstot entgegenlebt. Dort das Vorwärtsschreiten des Lebens und er Zeit sind dadurch nicht aufhaltbar, aber sie vermitteln das Gefühl noch ganz tief im Leben zu schwimmen.

Bedeutsam ist die Sprache, die einen umfängt wie eine warme Decke und man dadurch dem Leben der beiden ganz nahe kommt ohne ihnen auf die Pelle zu rücken.

Das Buch beginnt mit dem Satz: Sehnsucht nach Liebe ist die einzig schwere Krankheit, mit der man alt werden kann, sogar gemeinsam.

Oder Sätze wie: Vila liebte und sah sich gleichzeitig zu, ein erstauntes Auge, das sich weder schließen oder abdecken ließ, das immerzu verfolgte, wie sie in den unverhofften Wahnsinn ihres Lebens trieb, in der eigenen Nacktheit versank.

Ein Buch, das in der Realität der Liebe die Poesie sucht und mit den Worten auf wunderbare Weise entdeckt.

Das Mädchen Wadjda

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Die saudische Regisseurin Haifaa Al-Mansour erzählt die Gesichte des elfjährigen Mädchens Wadjda, das sich nichts sehnlichster wünscht als ein Fahrrad. Eigentlich ein normaler Wunsch für ein Kind in diesem Alter. Es gibt nur ein Problem, das Mädchen lebt in Saudi Arabien. Mädchen und Frauen dürfen dort nicht fahrradfahren. Doch sie ist mutig und hartnäckig ihr Ziel und ihren Traum trotzdem zu erreichen. Sie handelt mit selbstgeflochtenen Armbändern, lässt sich Schweigegeld bei heimnlicn arrangierten Dates auszuzahlen und bereitet sich eifrig auf einen Koranwettbewerb vor, den sie schließlich auch gewinnt…..

Der Film ist anrührend, weil das Mädchen sich gegenüber der Religion, welche sie sich ja schließlich nicht aussuchen durfte, durchsetzt. Dabei lebt der Film von der ungemeinen Lebendigkeit und dem Charme der Hauptdarstellerin.

Störend sind die gelegentlich zu plakativen femininistsichen Feststellungen,die der Mutter des Mädchen und anderer weiblicher Darstellering etwas zwanghaft in den Mund gelegt werden.

Insgesamt aber doch sehr empfehlenswert!

Arbeitstitel des neuen Kinderstücks: Warten auf Godot oder Warum bin ich eigentlich auf der Welt-frei nach Samuel Beckett

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Zwei komische Gestalten kommen auf die Bühne. Es sind Clowns. Sie haben ein kleines Bäumchen dabei.

Estragon: Ich heiße Estragon.

Wladimir: Ich heiße Wladimir.

Estragon: Komm, wir gehen!

 

Wladimir: Wir können nicht.

 

Estragon: Warum nicht?

 

Wladimir: Wir warten auf Godot.

 

Estragon: Ah!

Zehn Schauspieler (weißes Hemd, schwarze Hose, Hosenträger) kommen auf die Bühne, sagen “Guten Tag, ich heiße….” und nehmen eine bestimmte Haltung ein. Ein Schauspieler mit einer Maske kommt am Schluss mit einer Art Hörgerät, das er manch anderer Person an den Kopf hält. Diese Person bewegt sich dann auf eine skurille Weise. Dazu ein Geräusch vom Geräuschemacher.

Gedankenleser: Ich kann erlauschen

                           Was Menschen denken

                           Genieße in den Köpfen das Rauschen

                           Ohne diesen Fluss zu lenken

                           

                           Ich bin der Leser von Gedanken

                           Die Stille ist oft laut

                           Kinder, Eltern, Alte denken ohne Schranken                          

                           Der Kopf stets große Schlösser baut.

                         Wollt ihr sie hören,

                          So seid ganz still

                          Dürft mich jetzt nicht stören,

                          Kann sie euch hörbar machen wenn ich will.

Christoph Ransmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes

Atlas eines ängstlichen Mannes

Die Welt zu erzählen, zu fassen ist eine Unmöglichkeit. Aber einen Versuch ist es allemal wert. Kleine Geschichten begegnen einem überall. Und wenn man sie genau anschaut, aufmerksam zuhört, dann werden sie groß und strahlen in das eigene, kleine Leben.

Die Welt ist ein großes Buch mit unendlich vielen Seiten. Christoph Ransmayr hat einige viele in seinem großartigen Geschichtenbuch zusammengefasst. Die Gabe der Sprache ist ein großes Glück, weil sie weit hinausweist über das tatsächliche Geschehen und sich einnistet im eigenen Erleben. Sie schärft das Sehen und Hören und verleiht, dem was so fern geschieht, ein Gefühl direkt von den Dingen angefasst zu werden. Jede Erzählung beginnt mit „Ich sah“. Dieser Satzbaustein ist ein dem Leser überreichter magischer Schlüssel für ein Land, eine Begebenheit, eine Beobachtung, eine Sehnsucht, eine Anekdote.

Das Buch ist ein Begleiter für Wochen. Jede Geschichte besitzt in ihre ganz natürlichen Relevanz so viel Gewicht, dass der Leser nur eine begrenzte Anzahl am Tag bewältigen kann.

Auch Lesen kann einen Jetlag verursachen.

Richard Ford: KANADA

Ein Buch über ein Kind, einen Jungen. Er wächst in der Mitte von gewalttätigen Menschen auf. Seine Eltern sind Bankräuber und kommen ins Gefängnis. Der Sohn landet in Kanada, wo er Heuchelei und Falschheit ausgesetzt sind. Schließlich wird er Zeuge eines Doppelmordes. Der Roman beschäftigt sich mit der Frage, warum diesem Jungen trotz dieser Ereignisse ein gutes Leben gelingt, während seine Zwillingsschwester scheitert.

Das Rezept: “Großzügigkeit, Langlebigkeit, Hinnehmen-und Verzichtenkkönnen, die Welt zu mir kommen lassen-und aus alldem versuchen, ein Leben zu machen.”

Oder: “Ich weiß nur, dass man bessere Chancen im Leben hat-bessere Überlebenschancen- wenn man gut mit Verlusten umgehen kann; wenn man es schafft, darüber nicht zum Zyniker zu werden; wenn man Prioritäten setzen kann, Proportionen einhalten , ungleiche Dinge zu einem Ganzen verbinden, in dem das Gute geborgen ist, auch wenn es, zugegeben, nicht immer leicht zu finden ist. Wir versuchen es. Wir alle. Wir versuchen es.”