Das Mädchen Wadjda

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Die saudische Regisseurin Haifaa Al-Mansour erzählt die Gesichte des elfjährigen Mädchens Wadjda, das sich nichts sehnlichster wünscht als ein Fahrrad. Eigentlich ein normaler Wunsch für ein Kind in diesem Alter. Es gibt nur ein Problem, das Mädchen lebt in Saudi Arabien. Mädchen und Frauen dürfen dort nicht fahrradfahren. Doch sie ist mutig und hartnäckig ihr Ziel und ihren Traum trotzdem zu erreichen. Sie handelt mit selbstgeflochtenen Armbändern, lässt sich Schweigegeld bei heimnlicn arrangierten Dates auszuzahlen und bereitet sich eifrig auf einen Koranwettbewerb vor, den sie schließlich auch gewinnt…..

Der Film ist anrührend, weil das Mädchen sich gegenüber der Religion, welche sie sich ja schließlich nicht aussuchen durfte, durchsetzt. Dabei lebt der Film von der ungemeinen Lebendigkeit und dem Charme der Hauptdarstellerin.

Störend sind die gelegentlich zu plakativen femininistsichen Feststellungen,die der Mutter des Mädchen und anderer weiblicher Darstellering etwas zwanghaft in den Mund gelegt werden.

Insgesamt aber doch sehr empfehlenswert!

Arbeitstitel des neuen Kinderstücks: Warten auf Godot oder Warum bin ich eigentlich auf der Welt-frei nach Samuel Beckett

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Zwei komische Gestalten kommen auf die Bühne. Es sind Clowns. Sie haben ein kleines Bäumchen dabei.

Estragon: Ich heiße Estragon.

Wladimir: Ich heiße Wladimir.

Estragon: Komm, wir gehen!

 

Wladimir: Wir können nicht.

 

Estragon: Warum nicht?

 

Wladimir: Wir warten auf Godot.

 

Estragon: Ah!

Zehn Schauspieler (weißes Hemd, schwarze Hose, Hosenträger) kommen auf die Bühne, sagen “Guten Tag, ich heiße….” und nehmen eine bestimmte Haltung ein. Ein Schauspieler mit einer Maske kommt am Schluss mit einer Art Hörgerät, das er manch anderer Person an den Kopf hält. Diese Person bewegt sich dann auf eine skurille Weise. Dazu ein Geräusch vom Geräuschemacher.

Gedankenleser: Ich kann erlauschen

                           Was Menschen denken

                           Genieße in den Köpfen das Rauschen

                           Ohne diesen Fluss zu lenken

                           

                           Ich bin der Leser von Gedanken

                           Die Stille ist oft laut

                           Kinder, Eltern, Alte denken ohne Schranken                          

                           Der Kopf stets große Schlösser baut.

                         Wollt ihr sie hören,

                          So seid ganz still

                          Dürft mich jetzt nicht stören,

                          Kann sie euch hörbar machen wenn ich will.

Christoph Ransmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes

Atlas eines ängstlichen Mannes

Die Welt zu erzählen, zu fassen ist eine Unmöglichkeit. Aber einen Versuch ist es allemal wert. Kleine Geschichten begegnen einem überall. Und wenn man sie genau anschaut, aufmerksam zuhört, dann werden sie groß und strahlen in das eigene, kleine Leben.

Die Welt ist ein großes Buch mit unendlich vielen Seiten. Christoph Ransmayr hat einige viele in seinem großartigen Geschichtenbuch zusammengefasst. Die Gabe der Sprache ist ein großes Glück, weil sie weit hinausweist über das tatsächliche Geschehen und sich einnistet im eigenen Erleben. Sie schärft das Sehen und Hören und verleiht, dem was so fern geschieht, ein Gefühl direkt von den Dingen angefasst zu werden. Jede Erzählung beginnt mit „Ich sah“. Dieser Satzbaustein ist ein dem Leser überreichter magischer Schlüssel für ein Land, eine Begebenheit, eine Beobachtung, eine Sehnsucht, eine Anekdote.

Das Buch ist ein Begleiter für Wochen. Jede Geschichte besitzt in ihre ganz natürlichen Relevanz so viel Gewicht, dass der Leser nur eine begrenzte Anzahl am Tag bewältigen kann.

Auch Lesen kann einen Jetlag verursachen.

Richard Ford: KANADA

Ein Buch über ein Kind, einen Jungen. Er wächst in der Mitte von gewalttätigen Menschen auf. Seine Eltern sind Bankräuber und kommen ins Gefängnis. Der Sohn landet in Kanada, wo er Heuchelei und Falschheit ausgesetzt sind. Schließlich wird er Zeuge eines Doppelmordes. Der Roman beschäftigt sich mit der Frage, warum diesem Jungen trotz dieser Ereignisse ein gutes Leben gelingt, während seine Zwillingsschwester scheitert.

Das Rezept: “Großzügigkeit, Langlebigkeit, Hinnehmen-und Verzichtenkkönnen, die Welt zu mir kommen lassen-und aus alldem versuchen, ein Leben zu machen.”

Oder: “Ich weiß nur, dass man bessere Chancen im Leben hat-bessere Überlebenschancen- wenn man gut mit Verlusten umgehen kann; wenn man es schafft, darüber nicht zum Zyniker zu werden; wenn man Prioritäten setzen kann, Proportionen einhalten , ungleiche Dinge zu einem Ganzen verbinden, in dem das Gute geborgen ist, auch wenn es, zugegeben, nicht immer leicht zu finden ist. Wir versuchen es. Wir alle. Wir versuchen es.”

Theatre NO 99 aus Talinn (Estland) : Every True Heartbeat im Rahmen des Relationfestivals in den Kammerspielen

Hey, das ist warmes bestes Theater, so unmittelbar und doch ein Rätsel, in das ich hineinfinden möchte. Theater -immer ein Tanz des Körpers. Und das endet in Poesie: Liebe auf Messers Schneide, Eifersucht in eine Kiste geworfen, Frohsinn in die Luft gepustet, Humor als Ei in die Pfanne geschlagen.  Fragen stellen und eindeutig schwierige oder ganz leichte Antworten bekommen.
Das ist ein sehr menschliches, nahes Theater, verankert in den sich letztendlich doch immer nach Liebe verzehrenden Herzen der Zuschauer und  Schauspieler.

http://en.wikipedia.org/wiki/Theatre_NO99

 

 

 

Ursula Krechel: Landgericht

Ein Nachkriegsroman über einen jüdischen Flüchtling. Die Zerstörung einer Familie durch das Dritte Reich. Nicht die phyisische Zerstörung wird hier dokumentiert, sondern die seelsiche, soziale. Hitler und seine Schergen greifen mit ihren Tentakeln weit in die siebziger Jahre, gleich einer radioaktiven Kontaminierung.
Das Buch ist eine in Romanform gekleidetet Dokumentation über einen von den Nazis entlassenen und nach Kuba geflohenen jüdischen Richter, Richard Kornitzer. Das Skelett der Erzählung sind authentische, behördliche Briefe, in kaltem bürokratischen Deutsch gehalten, sachlich und fern jeder menschlichen Empathie.
Als die Schikanen Mitte der Dreißiger Jahre in Deutschland gegen die jüdische Bevölkerung immwer direkter und härter worden, entschied sich das Ehepaar Kornitzer die beiden Kinder nach England zu schicken, um sie zu schützen. Nach dem 2. Weltkrieg waren sich Eltern und Kinder so entfremdet, dass ein gemeinsame Leben in der Bundesrepublik nicht mehr möglich war.
Ein Buch nicht über die Tötungsmaschinerie des Nationalsozialismus, sondern über die physischen Kollateralschäden, die auch weit nach 45 das Schicksal vieler Menschen in sehr neagtiver Weise prägten.
Ein kühl geschriebenes Buch, das sich von der juristischen Sprache des Nachkriegsdeutschlands inifzieren ließ. Ursula Krechel erzählt nüchtern, sachlich ohne Gefühlskommentare. Wie eine Wissenschaftlerin, die Biographie eines Mannes genau unter die Lupe nehmend.

Hedda Gabler in den Münchner Kammerspielen

Da weht ein kalter Wind von der Bühne, wenn Birgit Minichmayer als Hedda Gabler auf die Bühne stolziert und ihre Langeweile am Leben zur Schau stellt. Und es ist spürbar, sie kann nicht anders, als ihre Umgebung zu drangsalieren und ins Unglück zu stürzern. Das Leid der anderen verursacht durch sie, erzeugt bei ihr das Gefühl doch irgendwie am Leben zu sein und teilnehmen zu dürfen. Birgit Minichmayer beherrscht die Szenerie sowohl als Figur als auch als Schauspielerin. Die anderen bleiben Schatten…

“Du mein Tod” in den Kammerspielen

Ein Stück über die Unsicherheit zu welchem Geschlecht man eigentlich gehört und den Entschluss hinüberzuwechseln in ein anderes. Und auszuhalten, was die Umgebung dazu meint. Die Tragweite des Entschlusses in ein anderes Geschlecht, d.h. in einen anderen Körper zu wechseln ist unfassbar für den, der mit seinen Chromosomen nicht hadert.

http://www.muenchner-kammerspiele.de/spielplan/du-mein-tod/

Modest Reception, Iran, 2012

Ein Film über das Geld und welche Manipulationsmöglichkeiten damit verknüpft sind. Jeder ist der Faszination des Geldes ausgeliefert zwischen den Scheinen klebt der Traum vom Paradies, von der Erlösung, von einem neuen, anderen Leben. Diese Erfahrungen macht ein Ehepaar auf seiner Reise durch eine unwirtliche iranische Bergwelt, den Kofferraum voller Plastiktüten mit Geld. Sie wollen es verschenken. Aber alle Menschen, denen sie begegnen sind nicht in der Lage es einfach zu nehmen, so als wäre geschenktes Geld vergiftet und jeden. Von geschenktem Geld scheint Verderben und Korruption auszugehen. Und wird jeder auf ganz eigene Weise von ihm verführt….