Freier Tag

Einfach dableiben
Die Bäume betrachten
Lieder hören
Kaffee trinken
Sich lieben
Zeit verstreichen lassen
Durchs Web segeln
Fahrrad putzen
Auf dem Clo herumhocken
Bücher aufschlagen
Eine Banane essen
Gedanken an den Tod verschwenden
Gemüse waschen
Blätter zusammenknüllen
Die Hoffnung begraben
Artikel überfliegen
Musik hören
Einfälle haben
Sich nicht mögen
Verzeihen
Ein Nickerchen machen
Zweifeln
Bettwäsche wechseln
An Gläsern nippen
Sehnsucht haben
An sein Kind denken
Brotkrümel bemerken unterm Tisch
Vergessen
Schreiben

Bjov Berg: Auerhaus

“Auerhaus” das ist ein Buch, mit dem ich meine Jugend wiederentdeckt habe. Nun fühlt sich das, von dem ich glaubte, es sei falsch oder unbedeutend richtig und bedeutend an. Ich war so jung und meinte, alles sei nicht passend.
In Auerhaus ziehen junge Menschen in ein altes Haus. Zusammen mit Frieder der einen Selbstmordversuch hinter sich hat. Sie wollen mit ihm zusammen wohnen und mit ihm reden damit er überlebt. Das Leben dort wirdals gut empfunden, wenn es gefährlich ist. Vielleicht gerade wegen Frieder. der dem Tod schon einmal begegnet ist. Die Wohngemeinschaft rast dem Leben, das sie als Erwachsene erwartet, buchstäblich davon. Ladendiebstahl, Betrug, Urkundenfälschung, Drogen. Den Möglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt. Und dann auch noch die Zumutungen der Liebe. Es gibt wenige Bücher wo der Moment des Umblättern ein Moment des Glücks darstellt. Sind das jetzt zu große Worte? Nein ich lasse es einfach mal so stehen. Mutig geworden durch das Lesen dieses Buches.Auerhaus

Im Bus am Fluss

Der Fluss führt mich durch das Land,
So stumm wie eine Seele,
Wenn der Regen gegen die Scheibe meines Busses klatscht
Grüßt er mich mit seinen kleinen Fingern.
Unendlich viele.
Der Fluss so kalt und mir so fremd,
In seinem Spiel mit Wind und Wolken.
Die ihn durchpflügenden Schiffe,
ritzen ihn nicht mehr als Blätter die Erde
von Menschenhand.
Ich bin so außen vor von allem,
in meinem kleinen weißen Bus.

Lion Feuchtwanger: Erfolg

$_72Durch diesesliteratrische Bergwerk habe ich mich Tag für Tag durchgebissen. Durch dieses Geflecht aus politischen Beziehungen, aus verwickelten Liasons, aus Männerbünden-und feindschaften, juristischen Unsinnigkeiten und skandalösen Verbrechen. Zentrum dieses Romans ist die Veurteilung des Kunsthistorikers-und sammlers Martin Krüger, angeblich wegen Meineids doch eigentlich geht aus um den Angriff auf die Freiheit der Kunst durch politische Einflussnahme. Die Zeit in den den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts ist geprägt durch die Auseinandersetzung zwischen rückwärtsgewandten, streng nationalistischen Kräften und Kräften, welche für eine offene, liberale Gesellschaft eintreten. Im Hintergrund dieses Kampfes findet der unaufhaltsame Aufstieg Adolf Hitlers statt. Der Roman endet schließlich mit dem Marsch auf die Feldherrnhalle und der vermeintlichen Beruhigung der politischen Lage. Alle Personen des Romans werden mit Pseudonymen bedacht, die in der historischen Wirklichkeit nicht existieren.
Herauszuheben ist die Rolle von Johanna Kain, Martin Krügers Frau. Sie kämpft für ihren Mann im Gefängnis einen vergeblichen Kampf, sucht Verbündete im politischen Establishment und Trost in Liebesbeziehungen. Sie scheitert erst und gewinnt am Ende, indem sie dem im Gefängnis gestorbenen Ehemann durch einen Film eine posthume Stimme gibt.

Eine ganz ganz große Ausnahme

unser Stück “ZEIT” wurde für das Theaterfestival in der Pasinger Fabrik ausgewählt. Es ist eine Produktion des letzten Jahres. Einige Schauspielerinnen und die Technikerin gehen inzwischen auf das Gymnasium, so dass die Eltern eine Befreiung für den Aufführungstag beantragen mussten. Bei allen Schulen ging das, außer bei einer. Da biss ich auf Granit. Sie wiesen den Antrag mit der Begründung ab, ein Kind hätte schon öfters am Mittwoch gefehlt. Außerdem könne ich mir ja ein anderes Kind für die Rolle suchen. Ja da war sie wieder diese Macht der Studienräte, Oberstudienräte, Studiendirektoren und Oberstudiendirektoren. Da war ich wieder drin in dem Schlamassel meiner Kindheit. Ich der kleine, unsichere Schüler, der jedes abwertende Wort schluckte wie eine Kröte. Die verspritzte ihr Gift in mir. Es wirkt bis heute und heißt “Unbarmherzigkeit”. Ja viele Lehrer in meiner Schulzeit waren schlicht und einfach unbarnherzig. Und nun hatte ich wieder mit so jemanden zu tun. Meine Schulleiterin und die Eltern riefen bei ihr an. Schließlich konnte sie dem Druck nicht mehr standhalten und machte eine ganz ganz große Ausnahme: Die Kinder bekamen für drei Stunden frei.
Ich fordere Schulen, wo es die “ganz ganz große Ausnahme” nicht mehr braucht, Lehrer ihren Monopolglauben Schule sei die einzige Bildungsinstanz aufgeben und allen Kindern das erlauben, was wirklich bereichernd für sie ist und sie glücklich macht.

“Träumer” Ein Roman von Volker Weidermann über die erste und einzige Räterepublik Bayerns

Für einige Monate kamen die Dichter an die Macht. Diejenigen, die auf die Kraft der Worte und der Literatur vertrauten und nicht mit den Skrupellosigkeiten der Politiker gesegnet waren. Träumerische Dilettanten ohne Fanatismus und Nationalstolzgehabe. Romantiker, die versöhnen und nicht spalten wollten, aber kläglich scheiterten. Vor allem an der Unbarmherzigkeit und Rachsucht der extrem rechten und linken Dogmatiker sowie der Nationalisten. Enst Toller und Erich Mühsam zwei Literaten,die von der Geschichte auf Podeste gespült wurden, von denen aus sie zu den Menschen sprachen. Aber es schlug ihnen auch auf der Straße nur Misstrauen entgegen. Schließlich wurden sie zuerst von den radikalen Kommunisten, dann von den rechte Freikorps vertrieben und eingesperrt. Am Ende bleiben nur Worte und Gedichte aus dieser Zeit:

Das, was ich sehne, steht über den Lüften,
in denen der Menschen Atem sich mengt.
Das, was ich sehne, liegt unter den Grüften,
in die der Tod das Lebende drängt.
Und es weiß nichts von Tun und Beginnen
und weiß nichts von Welt und von Zeit.
Meine Sehnsüchte rauschen, rinnen
unerfüllt in die Ewigkeit.

Erich Mühsam9783462047141

Tiefer Schweb von Christoph Marthaler in den Münchner Kammerspielen

Tiefer Schweb, ein Theaterstück von Christoph Marthaler

 

Ein paar Menschen versammeln sich in einem holzgetäfelten Raum in der Tiefe des Bodensees. Sie wollen ein gemeinsames Leben irgendwie hinkriegen, mit einer gemeinsamen Sprache und irgendwelchen gemeinsamen Zielen. Sie ringen um Gemeinschaft, hauptsächlich mit Hilfe der Sprache. Das misslingt gänzlich. Am Ende bleibt nur noch Gestammel. Sie zwängen sich in Trachten, um ihre gemeinsame Kultur zu erleben. Sie scheitern an deren Enge und vermeintlich identitätsstiftende Aufgesetztheit.

Einzig die Lieder, die sie gemeinsam in Endlosschleifen am kleinen, einfachen Holztisch singen, schafft eine Form von Zusammengehörigkeit. Die löst sich aber mit der letzten Strophe jedesmal wieder auf.

Am Ende bauen sie einen Zaun aus Stacheldraht und Brettern um sich, weil sie glauben sie müssten ihre Gemeinschaft, deren Personen nichts gemeinsam haben, außer ein schlagendes Herz und weißer Feinrippunterwäsche, vor Fremden schützen.

Ein Stück gegen den Irrglauben, es gäbe so etwas wie eine nationale Identität oder eine Leitkultur. Der Glaube daran, führt immer, wirklich immer zu Ausgrenzung, Diskriminierung und Krieg.

 

Nacht

In der Nacht, so um drei, wenn ich nicht schlafen kann, und mich die Stille und Dunkelheit umfängt wie ein schwarzes Tuch aus Seide, bin ich ganz frei und sicher.

Krankheit

Jetzt hat mich für eine Woche eine schwere Grippe heimgesucht. Sie zog in meinen Körper wie ein Schwarm Bienen in einen Bienenstock. Plötzlich ein Surren und Sumsen. Ich verlor die Kontrolle. Mein Körper verwandelte sich in einen Kriegsschauplatz. Eiweißgestalten genannt Viren, mit einer halben Milliarde Evolutionserfahrung im Gepäck gegen meinen erdgeschichtlich unbedarften Körper. Es entstand blitzschnell ein Getöse, ein Sälbelrasseln aus hohem Fieber, krachenden Kopfweh, trockenem Husten, stechendem Halskratzen, elender körperlicher Schwäche und hinterlistigen Gliederschmerzen. Mein Gehirn hatte den Ausnahmezustand ausgerufen und den Eindringlingen ohne Umschweife den Krieg erklärt. Schließlich ging es um das Überleben. Würde mein Körper einige Tage auf die Vireninvasion nicht reagieren, würde ich unweigerlich sterben.

 

 

David G. Haskell: Das verborgene Leben des Waldes

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Da ist jemand, der ein Jahr lang einen Flecken Welt in einem Wald beobachtet, einen einzigen Quadratmeter (Mandala oder Lebensgemeinschaft) während der vier Jahreszeiten. Er ist genauer Betrachter und Wissender zu gleich. Denn das, was der Biologe Haskell sieht, verknüpft er mit seinem Wissen über die Natur. Am Ende dieses Buches steht die Erkenntnis: Die Koordinaten des Lebens sind der Sex und der Tod. Alle Lebewesen richten ihr Leben danach aus, lange zu überleben und sich in dieser Zeit möglichst zahlreich fortzupflanzen. Sterben sie, werden sie zur willkommenen Nahrung für die vermehrungswillige Pflanzen und Tiere. Da entpuppt sich das Leben als einfallsreich, logisch und grausam zugleich. Alles Leben hängt vom anderen, als Parasit, Nährstoffquelle, Symbiosepartner oder einfach nur Kommunikationswesen.

Das eigentliche Resümee von Haskells Naturbeobachtung ist die, dass sich insbesondere im Boden des Waldes eine Welt befindet, die so großartig, so komplex und so vielfältig ist, dass wir sie nur fragmentarisch beschreiben und begreifen können. Die Unbegreiflichkeit führt auch zu einer Distanz zum menschlichen Daseins und gleichzeitig zu einer Verbundenheit. Ganz einfach deshalb, weil unser Leben mit dem im Wald und in dessen Boden evolutionsbiologisch eng zusammen hängt. Wir sind aus Kleinslebewesen entstanden und werden eines Tages wieder deren Nahrung sein.

“Ich beobachte das Mandala (den Quadratmeter Wald) als Fremder und Verwandter. Der helle Mond hüllt den Wald in silbrig schillerndes Licht. Als ich meine Augen an die Nacht gewöhnt haben, erkenne ich in dem Mondlicht meinen Schattten, der auf den Laubkreis fällt.” (David G.Haskell)