Herbert Grönemeyer in der Münchner Olympiahalle

Da ist er immer noch. Und das ist beruhigend. Dieser blasse Mensch aus dem “Boot”, der diese Platte “Bochum” vor so vielen Jahren den Leuten hinschleuderte und damit zum größten und bekanntesten deutschen Popstar wurde. Er singt Lieder, die der Soundtrack vieler Leben in der ausverkauften Olympiahalle sind und allemal eine sehr beruhigende Wirkung auf den persönlichen Alterungsprozess haben. Da ist einer, der wird mit uns alt, bleibt aber trotzdem so jung und lebendig wie vor fast 40 Jahren. Oh Yeah! Auch ich kann das. Ich muss nur mutig sein, mich hinstellen und das was ich fühle und denke mit allem was mir an Selbstbewusstsein möglich ist, unter die Leute bringen. Man darf mir auch ansehen, dass ich kein Kostverächter bin und ich trotzdem tanze, tanze, tanze. Wenn alle auf einer Welle der Musik schwimmen, indem sie die Lieder wie Hymnen mitsingen und für die ganz Fremden verständlich machen, ist das ein Glück, weil man sich auflöst in der Euphorie unter den anderen. Jeder wünscht sich dann, dass Herbie in seinem schwarzen, eng gewordenen Anzug immer weiter seine Show durchfeiert und bald wiederkommt, um uns alle endlich wieder zusammenzubringen.

MIRANDA JULY: DER ERSTE FIESE TYP in den Münchner Kammerspielen

Es geht um die Entgrenzung, um Heilung. Vor allem um Befreiung aus einem Leben, das Rituale, Gewohnheiten und die Einsamkeit so starr und traurig gemacht haben. Cheryl lebt ein strenges, gut organisiertes und geordnetes Leben ohne Störungen von außen. Freudlos, aber sauber. Cheryl wird krank, bekommt Schluckbeschwerden und einen Kloß im Hals. Symptome eines freudlosen, kommunikationsarmen Lebens. Noch dazu ist sie unglücklich verliebt. Da zieht Clee ein, die Tochter ihres Chefs, rücksichtslos in ihrem Hedonismus und in ihrer Lust das Leben auf vermeintlich primitive Art zu genießen, mit Fernsehen, Chips und Fertigessen aus der Mikrowelle. Ihre gewaltvolles, rabiates Ausbreiten in der Wohnung der Älteren führt zur Eskalation. Die Eskalation schließlich zum Auseinanderbrechen des gewohnten Lebens, zur Lust am Spiel, am Experiment, an der Auflösung von Rollenbildern, Geschlechterzuordnungen und sexueller Konventionen. Das Leben hebt ab und alles, alles gelangt in einen Zustand des Schwebens und des Spiels.

Der Morgen

Der Morgen hält bereit,

Etwas,

Von dem du nichts weißt,

Das Wetter ist

Die einzige Tatsache,

Die dir vertraut ist.

Die Sonne

Bricht sich ab

Ein Stück von dem Brot

Das sauer Gekaute

Der Schnee so fremd

In der Jahreszeit

Wie du

heute Morgen

In der Welt.

 

Kirschblüten und Dämonen- ein Film von Doris Dörrie

Der Film ist eine Fortsetzung von “Kirschblüten-Hanami”. Während der erste Film sich um die Eltern und deren Tod dreht, geht es hier um deren Kinder, besonders um den zerbrechlichen Karl. Aus dem Banker, der einst in Tokio lebte, ist eine zerbrechlicher Trinker geworden, der die Dämonen und Leitsätze seiner Eltern “Kinder sind so enttäuschend” nicht los wird. Woodka soll die Dämonen vertreiben, stattdessen kreisen sie noch wilder um ihn. Schließlich taucht Yu auf, die japanische Butoh Tänzerin, die sein Vater einst in Japan kennengelernt hatte. Sie versucht ihn zu retten, ihn von den Lasten seiner Erinnerung und seiner Schuld zu befreien. Es beginnt ein Prozess der Auflösung, der Loslösung von der Heimat, von den Katgorien Leben und Tod, vom Gefühl der Schuld und vom eigenen Geschlecht, im wahrsten Sinne des Wortes. In einem Alkoholdelirium im winterlichen Wald erfriert ihm sein Penis und muss amputiert werden. Alle Grenzen und Identitäten verschwinden. Karl fährt nach Tokio, um Yo, die plötzlich verschwunden ist, zu suchen. Er trägt, wenn er durch die Straßen geht, den Kimomo seiner Mutter. Ist er noch Frau oder Mann? Gehört er zu den Lebenden oder Toten? Ist er alt oder jung? Gesund oder krank? Er begegnet einer alten Frau, die einem Art buddhistischen Tempel. Sie empfängt ihn sehr herzlich und warm. Und dort findet er die Lösungen…und alles löst sich erneut auf. Alles bleibt möglich.

Vollmond

Heute morgen beim Frühstückmachen rief mich mein Sohn zum Fenster. Er stand dort und sagte mit einer Zahnbürste im Mund: “Schau mal Papa wie groß und hell der Mond scheint.”

Bruno Ganz gestorben

 

Himmel über Berlin Bruno Ganz

Ich bin so traurig über den Tod von Bruno Ganz. Er zeigte mir, wie viel Poesie da zwischen Himmel und Erde ist, in all den Kleinigkeiten, wenn man nur genau hinschaut und zuhört.

Der Junge muss an die frische Luft, Film von Charlotte Link

Der Junge der “Hans-Peter Kerkeling” spielt ist ein Wunder. Alles spiegelt sich in seinem runden, freundlichen Gesicht. Seine Augen sind Spiegel der Erwachsenenwelt. Sie leuchten immer, sind nach innen und außen gleichermaßen gerichtet. Und immer blitzt die Verschmitzheit gegenüber der Welt der großen Menschen in ihnen auf. Früh erkennt Hans-Peter, der spätere Hape, dass Komik sein Schlüssel ist für die Welt und um Menschen zu erreichen. Insbesondere seine Mutter, die unter schweren Depressionen leidet.

 

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Das Ende der Regale

Vorgestern im Hugendubel am Stachus. Die Buchhandlung wurde renoviert. Fast alle Regale sind abgeschafft. Jedes Stockwerk ist ein Archipel von Tischen, auf denen sich offen ausgelegte Bestseller und Neuerscheinungen mehr oder weniger bekannter Schriftsteller stapeln. Alle aktuellen Autoren sind willkürlich im Raum verteilt. Das Alphabet spielt keine Rolle mehr. Sich mehrere Werke von einem Schriftsteller anzuschauen, ist nicht mehr möglich. Eine durchgeplante auf Marketingüberlegungen aufbauende Verkaufsstrategie bestimmt  das Interieur. Gemeinsamkeiten zu einer Bibliothek haben sich komplett aufgelöst

Laufen im Schnee

Es hat die ganze Nacht geschneit. Der Schnee hat die Welt mit Rundungen versehen, alle scharfen Kanten und spitzen Ecken meiner Welt abghobelt und ordentlich geschliffen. Ich stehe früh auf, ziehe mich einigermaßen warm an und laufe in den geweißelten Wald. Jeder Schritt braucht mehr Kraft, weil sich der Fuß immer ein wenig aus dem Schnee herausarbeiten muss. Die Schneedecke ist noch unberührt und ich genieße es Spuren zu hinterlassen, die hinter mir gleich wieder zugeschneit werden. Miracle Morning. Toller Begriff und auf den Punkt gebracht, als ein Typ begleitet von einem Husky mit bloßem Oberkörper dem schneidenden Wind und dem Schneegestöber zum Trotz mir entgegenläuft und freundlich “Guten Morgen” haucht.

Der Hund

Mein Sohn und ich haben einen Hund in Pflege. Einen japanischen Shiba Inu. Er sieht aus wie ein Fuchs. Sagen alle Leute, die ihn sehen. Außerdem besitzt er einen komplexen Charakter. Denn er stellt immer wieder die Hierachien in Frage. Es ist für ihn nicht selbstverständlich, dass der Mensch, der sich gerade mit ihm abgibt, mit ihm spielt oder spazieren geht, das Alphatier für ihn bedeutet. Ich muss mir das bei ihm erarbeiten und mich dazu in die Ursuppe der Evolution begeben. Der Hund verlangt von mir Strenge und Konsequenz ohne Wenn und Aber. Ohne Diskussion, Kompromiss und ohne Einfluss von aufklärerischem Gedankengut. So endet zum Beispiel das Spazierengehen ohne Leine in einem Kampf. Wer ist stärker: Der Hund, der schneller, flinker und frecher ist als ich. Oder ich sein momentaner Ernährer und Wärmespender? Dem Hund ist meine Funktion im Augenblick der Auseinandersetzung völlig egal. Er will ganz oben sein und bestimmen wo und in welchem Tempo es langgeht. Nachdem ich ihn nämlich im Park von der Leine gelassen, damit er sich austoben kann, weigert er sich wieder zurückzukommen und sich anbinden zu lassen. Er kommt näher und sobald ich auf ihn zugehe, haut er wieder ab. Das geht eine dreiviertel Stunde so. Der Hund interessiert sich dabei null für meine Argumente, die ich ihm am Ende schreiend vortrage noch für meinen Terminkalender, der mir gerade an diesem Nachmittag im Nacken sitzt. Irgendwann, völlig außer Atem gelingt es mir dann doch, ihn am Halsband zu packen und ihn an der Leine nach Hause zu zehren. In der Rangfolge des Hundes, so wird mir an diesem Nachmittag klar, bin ich sehr weit unten angesiedelt. Es bräuchte Monate, nein Jahre, um mich auf Wiesen und in Parkanlagen nach oben zu rennen und zu kämpfen.