Das Ende der Regale

Vorgestern im Hugendubel am Stachus. Die Buchhandlung wurde renoviert. Fast alle Regale sind abgeschafft. Jedes Stockwerk ist ein Archipel von Tischen, auf denen sich offen ausgelegte Bestseller und Neuerscheinungen mehr oder weniger bekannter Schriftsteller stapeln. Alle aktuellen Autoren sind willkürlich im Raum verteilt. Das Alphabet spielt keine Rolle mehr. Sich mehrere Werke von einem Schriftsteller anzuschauen, ist nicht mehr möglich. Eine durchgeplante auf Marketingüberlegungen aufbauende Verkaufsstrategie bestimmt  das Interieur. Gemeinsamkeiten zu einer Bibliothek haben sich komplett aufgelöst

Laufen im Schnee

Es hat die ganze Nacht geschneit. Der Schnee hat die Welt mit Rundungen versehen, alle scharfen Kanten und spitzen Ecken meiner Welt abghobelt und ordentlich geschliffen. Ich stehe früh auf, ziehe mich einigermaßen warm an und laufe in den geweißelten Wald. Jeder Schritt braucht mehr Kraft, weil sich der Fuß immer ein wenig aus dem Schnee herausarbeiten muss. Die Schneedecke ist noch unberührt und ich genieße es Spuren zu hinterlassen, die hinter mir gleich wieder zugeschneit werden. Miracle Morning. Toller Begriff und auf den Punkt gebracht, als ein Typ begleitet von einem Husky mit bloßem Oberkörper dem schneidenden Wind und dem Schneegestöber zum Trotz mir entgegenläuft und freundlich “Guten Morgen” haucht.

Der Hund

Mein Sohn und ich haben einen Hund in Pflege. Einen japanischen Shiba Inu. Er sieht aus wie ein Fuchs. Sagen alle Leute, die ihn sehen. Außerdem besitzt er einen komplexen Charakter. Denn er stellt immer wieder die Hierachien in Frage. Es ist für ihn nicht selbstverständlich, dass der Mensch, der sich gerade mit ihm abgibt, mit ihm spielt oder spazieren geht, das Alphatier für ihn bedeutet. Ich muss mir das bei ihm erarbeiten und mich dazu in die Ursuppe der Evolution begeben. Der Hund verlangt von mir Strenge und Konsequenz ohne Wenn und Aber. Ohne Diskussion, Kompromiss und ohne Einfluss von aufklärerischem Gedankengut. So endet zum Beispiel das Spazierengehen ohne Leine in einem Kampf. Wer ist stärker: Der Hund, der schneller, flinker und frecher ist als ich. Oder ich sein momentaner Ernährer und Wärmespender? Dem Hund ist meine Funktion im Augenblick der Auseinandersetzung völlig egal. Er will ganz oben sein und bestimmen wo und in welchem Tempo es langgeht. Nachdem ich ihn nämlich im Park von der Leine gelassen, damit er sich austoben kann, weigert er sich wieder zurückzukommen und sich anbinden zu lassen. Er kommt näher und sobald ich auf ihn zugehe, haut er wieder ab. Das geht eine dreiviertel Stunde so. Der Hund interessiert sich dabei null für meine Argumente, die ich ihm am Ende schreiend vortrage noch für meinen Terminkalender, der mir gerade an diesem Nachmittag im Nacken sitzt. Irgendwann, völlig außer Atem gelingt es mir dann doch, ihn am Halsband zu packen und ihn an der Leine nach Hause zu zehren. In der Rangfolge des Hundes, so wird mir an diesem Nachmittag klar, bin ich sehr weit unten angesiedelt. Es bräuchte Monate, nein Jahre, um mich auf Wiesen und in Parkanlagen nach oben zu rennen und zu kämpfen.

Im Cafe

Die Frau, die auf ihrem kleinen Laptop neben mir im Internet surft und bei jedem Klick “Oh Gott, oh Gott” ziemlich laut vor sich hinflüstert, dass es mich jedesmal aufschreckt.

Der Vorname-Fime von Sönke Wortmann

Es geht um den Vornamen eines zukünftigen Erdbewohners. Er soll Adolf heißen, wie der werdenden Vater ankündigt. Er tut das bei einem indischen Essen, zu dem sein Bruder, ein Literaturprofessor und seine Frau, eine Gymnasiallehrerin, geladen haben. Dabei ist noch ein langjähriger Freund des Gastgeberpaares, ein Klarinettist, und später die zukünftige Mutter des kleinen Adolfs, dabei. Natürlich bricht ein Streit über die Namensgebung aus, der mal wieder versiegt, dann wieder aufflammt und irgendwann im Grundsätzlichen endet. Schauspieler und Regisseur bemühen sich redlich das Ganze auf dem Niveau der Komödie zu halten und es nicht zu einem Psychospiel zwischen den Akteuren abgleiten zu lassen. Das gelingt nur teilweise. Die Schauspieler agieren aufgrund dieses Vorhabens oft auf der Oberfläche, so das mir der Film nicht wie ein Film sondern wie verfilmtes Kabarett vorkam. Irgendwie hats einfach an Tiefe gefehlt, die eine Kmödie durchaus auch erreichen kann.

Film: Verliebt in meine Frau

Ach ja, der Mann für den es kein Entrinnen gibt angesichts der Schönheit und Naivität einer viel jüngeren Frau. Da wird mal schnell das eigene Leben komplett aufgelöst, die in die Jahre gekommene Ehefrau verlassen und die alten Freunde verraten. Nein es geht hier nicht um Moral. Es geht um den Wahnsinn, wie die Illusion einer Romanze das abgeklärte Leben mit Engelsflügeln versieht. Eine Illusion wird nie zu Ende illusioniert. Die Schönheit wird immer nur bis zu einem nicht weit entfernten Punkt gedacht. Das schaut von außen betrachtet lächerlich aus. Ist aber für den Mann, der so etwas erlebt wie ein grandioser Aufbruch in unendliche Weiten. Wer denkt da schon an Absturz?

Der Schreibtisch, die Insel

Mein Schreibtisch ist ein verschwiegener Ort. In einer Ecke in einem dunklen Zimmer hat er seinen Standort. Durch das kleine Dachfenster dringt kaum Licht. Ich muss die kleine Lampe einschalten. Ich setze mich in den warmen Lichtkegel. Abschied von allem, was mich stört. Von dem Gerede, dem Telefon, dem schmutzigen Geschirr in der Küche, von meiner Unruhe und gelegentlich, wenns richtig gut ist von der Zeit. Ich sitze einfach nur da und schreibe in der Blase des Lichts. Der Router leuchtet hinter Türen und Wänden. Die Schimäre der offenen Welt lauert, Nach Stunden oder schon Minuten erliege ich ihr. Mit großer Bestimmtheit. Am Ende liege ich wie ein erschlagener Krieger auf der Tischplatte.

In einen Cafe

Alte Damen aus einem Altenheimm sitzen neben mir und sprechen über die Häufigkeit von Selbstmorden an Weihnachten in Altenheimen. Sie sprechen laut und völlig gelassen über diese Möglichkeit, die Einsamkeit auf diese Weise zu beeenden. Das Gespräch beruhigt mich auf seltsame Weise.

Das erste Sexspielzeug

Das erste Sexspielzeug

Als Adam den Apfel nahm, von Eva angeboten, begehrte er sie wie noch nie vorher. Er schlief mit ihr im Garten Eden unter einem Tulpenbaum. Der Apfel lag ungegessen neben ihnen, als er auf ihr kam und sie unter ihm. Die Schreie der beiden ließ die Vögel auffliegen aus den leuchtenden Gräsern des Paradieses. Er strich ihr zart mit einem Zeigefinger über die Augenbraun. Er liebte es in ihre noch von der Erregung verdrehten Augen zu schauen. Der Apfel war nach vorne gerollt zu ihren Füßen. Eva spürte ihn an ihren Sohlen und rollte ihn mit den Füßen nach oben zwischen ihre Beine. Er lag nun in ihrer Scham, im Nest ihres blonden, gekräuselten Schamhaares. Sie kicherte wegen dem Kitzel und der Kühle der roten pflanzlichen Haut. Ob diese beiden Menschen schon eine Sprache hatten? Nehmen wir mal an, es wäre so. Dann würde Eva gesagt haben: „Schau, Adam. Der verbotene Apfel in meinem Schoß. Wie das Ei eines Paradiesvogels.“
Sie nahm seine rechte Hand und legte sie auf den Apfel. Adam wusste intuitiv, was zu tun war. Er rollte die Frucht geschickt auf ihren Venushügel hinauf und wieder hinunter. Dabei drehte er sie sehr geschickt um ihre eigene Achse. Eva schloss ihre Augen. Leise säuselte sie mit dem Wind.
Gott beobachtete seine beiden Geschöpfe. Er sah zu, was sie mit der von ihm verbotenen Frucht anstellten. Warum biss verdammt noch mal Adam nach dem für den Allmächtigen erstaunlich anregenden Liebesspiel nicht einfach hinein? Das von ihm geschöpfte Begehren entwickelte etwas, was er in den sechs Tagen seiner Genesis noch nicht benannt hatte. Er sah in das gerötete Gesicht von Eva, ihren leicht geöffneten Mund, ihre Brüste, die sich immer schneller hoben und senkten. Die Frucht, mit der Adam die Scham seiner Eva verwöhnte, wurde nicht mehr nur von der Hand bewegt. Seine Stirn, seine Kopf, Bauch, Knie, Füße, ja eben fast alles was Gott für den Menschen geschaffen hatte, beteiligte sich am Rollen und Rotieren der Frucht..
Doch ein Apfel sollte ein Apfel bleiben. Ein Baum ein Baum. Ein Affe ein Affe. Eine Wolke eine Wolke, ein Mensch ein Mensch und Gott der Gott. Alle Dinge sollten die von ihm ausgedachte Bestimmung behalten und niemals verändern.
Den Menschen mit Intelligenz auszustatten, mit einem Bewusstsein, war Gottes beste Idee. Aber nun rührte sich etwas in diesen beiden Geschöpfen, das ihm entglitt, das er nicht vorausgesehen hatte. Gott zweifelte zum ersten Mal an seiner Allmacht. Evas Atem war inzwischen in ein singendes Stöhnen übergegangen und drängte sich in Gottes Denken. Gott musste schnell ein Wort finden für das, was diesen zweckentfremdenden Umgang mit diesem rotbackigen Obst entsprach. Ein von ihm geschöpftes Wort für das Phänomen, Gegenstände einem anderen Sinn zuzuführen. Würde er ein Wort finden, hätte er wieder die Macht über das Treiben seiner ersten Menschen. Er sah in Evas weit aufgerissene blaue Augen, bemerkte ihre zitternde Wimpern, ein Detail seiner Schöpfung, auf das er besonders stolz war. Wie sie sich wand, sich aufbäumte auf dem von Gott geschaffenen weichen Moos. Der über ihren Körper gleitende Apfel, der ihr so viel Lust brachte, dass selbst die Bäume ihr Rauschen einstellten.
Das Stöhnen des Begehrens in der Stille des Paradieses. Das Menschliche war hineingefallen in die frische Welt. Hineingefallen ins Paradies. Nicht von ihm, Gott ausgelöst, sondern vom diesen beiden dort unten.
Gott vernahm Evas erlösenden Schrei in der Befreiung ihres Begehrens. Das Begehren war seine beste Erfindung Gottes. Es immer tun zu müssen, um sich als einmalige Art auf dem Erdboden möglichst zahlreich auszubreiten Aber nun trieben es Mann und Frau mit Hilfe eines Apfels, der noch dazu mit einem Tabu belegt war. Da stand plötzlich das Vergnügen im Vordergrund und nicht mehr die Zeugung weiterer Nachkommen. Er erfuhr vor seinen alles wahrnehmenden Augen eine Umdeutung eines Teils seiner Schöpfung in ein Liebesspielzeug, das seine Eva zur sexuellen Ekstase, aber zu keinem fruchtbaren Samenstrom führte. Die von ihm geschaffene künstliche Intelligenz entwarf eigene, menschliche Ideen. Wie konnte ihm, dem einzigen Gott dieser Welt, so etwas unterlaufen?
Gott sah hinunter auf die beiden Geschöpfe. Eng umschlungen schwitzend und glückselig bissen sie abwechselnd in die wertvolle Frucht. Gott spürte Spuren des Schmerzes, den er allem, was lebt, gegeben hatte, nun an sich selbst. Der Schmerz als ein Zeichen von Neid auf das Menschliche da unten auf seiner Erde. „Was für einfallsreiche Wesen“, sprach Gott zu sich selbst. „Zu leichtsinnig bin ich gewesen nach all den anderen erfolgreichen Schöpfungen von Himmel und Erde, Pflanzen und Tieren. Zu kompliziert habe ich das Innere ihrer Köpfe ausgestaltet und den Überblick verloren. Ach wie menschlich fehlerhaft auch ein Gott sein kann.“ Er sprach´s und vertrieb Adam und Eva, nachdem sie den Apfel verspeist hatten, aus ihrem Paradies. Verlassen hätten die beiden es eines Tages sowieso. Der menschliche Einfall und das von göttlicher Macht unabhängige Begehren blieben für immer in der Welt.