Irland 2

Der Sonne gehört heute der Himmel. Und die Wolken sind ihre samtweichen Engel. Darunter alle Spielereien und Experimente der Farbe Grün, die sich nicht scheut, sich mit allem wie ein leichtfertiges Mädchen einzulassen. Das Meer zwischen den Halbinseln Dingle und Kerry. Reines Blau, das sich wehrt gegen die Avancen der Farbe des makellosen Rasens. Vergeblich. Das Licht der Sonne schickt Küsse der grünen Verführerin in die Wellen. Kleine spiegelnde Flächen nur von oben zu sehen sind Zeichen ihrer Schamlosigkeir hier auf dieser Insel.IMG-20170804-WA0011

Irland 1

20170801120113_IMG_0565Killarney
Graue Städte auf grüner Insel. In der Wohngegend von Killarney entsteht das Gefühl ich wäre in eine Erinnerung eingetreten, die als Schwarzweiß-Film läuft. Die Häuser schreien ihre graue Farbe in den grauen Himmel. Es gibt hier eine Welt ohne Schillern,ohne Glanz, ohne Leuchten. Die Wolken lassen ihren steinernen Ungeheuern nur das Grau ihrer eigenen Wesenheit.

Die Schafe sind hier keine Schafe sondern reinkarnierte Punks. Sie rufen einem nicht hinterher Hast de mal einen Euro sondern blöken uns deutschen Wanderern hinterher haste de mal ein Gänseblümchen. Ach je der Kopf dreht sich beim Wandern wie eine Waschmaschinen Trommeln und produziert Schaumblasen bunt wie weiße Schafswolle. Es geht auch ohne Drogen. Dieser Satz ist ein wohlfeiles Souvenir für meinen Sohn

Ein Tag

Wenn ich morgens aufwache, liegt da schon der Tag neben mir. Ein Stück Papier, ein aufgeschlagenes Buch, ein Handtuch, eine Blume. Ich möchte diesen Tag gestalten. Ich will, dass er mir gehört. Wie ein kleiner Hund, den ich bei Sonnenaufgang spazierenführe. Abenteuer, Liebe, Kunst, Freundschaft, Schöpfung sind die Worte, die mich zu dieser Zeit berauschen können. Am Morgen, nach der ersten Tasse Kaffee.
Ich bin jetzt so jung, als hätte kein Kummer, kein Unfall, kein Unglück, keine Ernüchterung jemals meinem Leben eine Schramme zugefügt. Es gibt kein Gestern, wenn ich mir die Marmelade von meinen Lippen lecke. So schaue ich in den Spiegel und betrachte mich mit meinem weißen Hemd mit dem sauberen Kragen und den gewaschenen Haaren. Heute werde ich etwas entdecken, was mich rettet. Das Leben endet nie. Und wenn, dann bereitet mir der Tod um sieben Uhr keine Sorgen. Die Zahnpasta in meinem Mund. Der Schaum der Tage. Der Butterrest am Messer. Die Brotkrümel auf dem Teppich unter dem Tisch. Das kann ich alles lassen. Jetzt
Ich setze mich an meinen Schreibtisch. Hinter mir das Bett mit der zerwühlten Decke. Der Computer fährt hoch. Er atmet leise. Ich öffne das Schreibrprogramm. Es gelingt mir die ersten Zeilen zu schreiben. Ich kann mich mit ihnen ohne Weiteres einverstanden erklären. Wie mit so vielen Dingen, die mich in diesem Moment umgeben. Der feine Tastaturenstaub, die stumpfen Bleistifte, das Grau des Himmels, das Stuhlknarzen, mein im Kaffeelöffel aufgelöstes Gesicht.

Aufgetaucht aus dem Selbstversuch- Ausbildung zum Münchner Stadtführer

Die Ausbildung ist beendet. Jetzt ist die Welt wieder eine andere. Ich krieche hervor aus meinen Selbstversuch. In einem halben Jahr ließ ich das pulversierende Wissen in mich hineinrießeln. Tatsachen wie Sandkörner. Alles mit großer Selbstverständlichkeit aufgesogen, in mir abgelagert, zu einem materiellen Teil meines Selbst geworden. Ganz habe ich mich dieser Sache gewidmet, bin tief hinabgetaucht. Die Verbindungen zur Gegenwart nur sporadisch. Angenervt von den Vorgängen an der Oberfläche. Die Schulaufgaben meines Sohnes, seine Weigerung zu lernen. Schlagende Türen, Geschrei, Heulen. Nebengeräusche, die mich auf die Palme brachten. Mein Beruf des Lehrers. Immer nur mit dem Ungefähren beschäftigt und der Hoffnung, dass die Schüer etwas lernen.
Mir die verlässlichen Portäts von Herzögen, Kurfürsten und Königen mit ihrer Unveränderlichkeit und ihren in Stein gemeißelten Taten Tag für Tag einprägen. Die Kirchen, Palais, Gärten, Denkmäler und Prachstraßen in Epochen zu verorten und die Ideenwelt der Herrschenden mit eindeutigen Begriffen zu beschreiben.
Mit Jahreszahlen belagerte ich mich.
München liegt jetzt vor mir, die von der Geschichte hingeworfene Stadt. Sie ist mir wieder näher gerückt, Richtung Herz. Wie hat mich diese Stadt lange gelangweilt. Da erweckte nichts mehr mein Interesse. Ich blickte voller Verachtung auf ihre Sauberkeit, ihre Feigheit zum urbanen Moloch zu werden. Ihre Nähe zu meiner komplizierten Familie, die nichts als Loslösung verlangt.
Ich bin ein Kind, das ich immer füttern muss. Mit Löffelchen guter Leistungen.

Karl Ove Knausgard: LEBEN

Sich einfach hinsetzen und sein Leben beschreiben so wie es ist. Ohne in diesem drögen Tagebuchblues zu verfallen. Das ist so schwierig wie einen guten Dokumentarfilm zu drehen. Immer wälzt sich ein Strom von Gedanken, Gefühlen und Wünschen entlang all diesen Wegen, die man beschreitet. Was aufschreiben, was weglassen? Die Erinnerung kann ein Filter sein. Knausgard beschreibt immer wieder den Zustand der Natur als Hintergrund seines eigenen Situation. Ganz ohne Larmoyanz. Als junger Mann geht er nach dem Abitur für ein Jahr nach Nordnorwegen, um dort als Aushilfslehrer zu arbeiten. Sein Leben ist noch ganz jung und auf der Suche nach dem ersten Sex, der wahren Liebe und dem Sinn des Daseins. Natürlich spielt auch der Alkohol eine bedeutsame Rolle, dem er sich immer wieder ausliefert, und der ihn manchmal schwer herumbeutelt und ihm zahlreiche Kontrollverluste beschert. Aber in all dem Aufrührischen und Exzessiven des Jungseins treibt es ihn an den Schreibtisch. Er will Schriftsteller werden und nichts anderes tun als Geschichten zu schreiben. Die Versuche sich zurückzuziehen scheitern oft, manchmal gelingen sie. Einsamkeit und Unverständnis seiner Umgebung als Preis für ein Schriftstellerleben in der Zurückgezogenheit. Er erkennt das, als die Nächte in Norwegen endlos werden und die Freunde ihn an seiner Schreibmaschine seltsam finden. Aber die Mädchen mögen ihn und er mag sie. Der Sex bleibt lange ein Mysterium und für ihn nicht beherrschbar. Immer geht es bei ihm zu schnell. Nur am Ende des Buches in einem Zelt auf einem Popkonzert verliert er seine Unschuld und der Sex sein Geheimnis. Dank des Alkohols und der Musik.

Jetzt wird es Herbst

Jeden Morgen und jeden Abend wird mir vorgeführt wie die Tage kürzer werden. Der Sommer ist vorbei und nachts wird es kühl. Trotzdem will ich so viel Leben. Nur weiß ich manchmal nicht wie ich es anstellen soll. Der Beruf ist notwendig. Aber er zweigt so viele Stunden täglich ab. Doch eines ist mir klar: Mich drängt es nicht nach Macht. Ich sehe Macht nicht negativ. Sie ist notwendig für die Umsetzung von Ideen, ob sie nun gut oder schlecht sind. Aber sie verdichtet das Leben so auf einen Punkt, dem ich mich niemals ganz widmen könnte. Der Ausschluss von anderen Dimensionen und Färbungen des Lebens würde mich zu sehr schmerzen. Ich will ganz in die Breite leben. Unsere Welt kann ich doch herumdrehen wie ich will. Die Breite kann somit zur Tiefe werden.

Kathmandu

Die Stadt ist eine Pflanze, sie wuchert wie gemeiner Efeu die Berge hinauf. Die Fenster des Busses, mit dem ich von Pokahara kommend in die Stadt hinunterfahre, erzeugen eine Flut von Bildern, ein verdrehter endloser Wurm aus verkratztem Zelluloid, ein im grellen Sonnnenlicht geschnittener Film. Die Menschen hier in den wuchernden Vorstädten leben in einer Wolke aus Staub, deren Partikel durch alle Ritzen des dahinschaukelnden Busses dringt. Die Blätter der sich in der Luft aus der Erde hervorquälenden Pflanzen wirken als seien sie aus Aluminiumpapier geschnitten. Die dicke Staubschicht schillert im Dunst. Der Dreck, der alles bedeckt, ist eine unverschämte Selbstverständlichkeit. So erscheint es mir, wenn ich die Leute für einen kurzen Moment mit meinen Augen einfange. Viele sitzen oder liegen am Straßenrand und beobachten das Schaukeln der Busse, Lastwägen, Taxis, Motorräder. Fahrradrickschas als eine von Gott auf die Erde geblasene Luftschlange, die sich vom Himmel aus hinunter in die Stadt schlängelt. Dieser apokalyptische Wahnsinn scheint von Gott gewollt und von Gott geschaffen. Denn in den Gesichtern der herumhockenden Menschen spiegelt sich kein Zweifel, keine Frage nach dem Warummussichdennhierleben. Die in den Bussen zusammengedrängten; verkrümmten, verschwitzten Körper. Die in der Hitze an Durst verendenden Hühner auf den Ladeflächen. Die jungen dunkelhäutigen Burschen wie festgekettet an den Lenkrädern ihrer blumig dekorierten Lastwägen. Schmächtige Maenner und Frauen, die am Rand mit großen Hämmern Felsbrocken in kleine Stücke für den Straßenbelag zerschlagen. Familien in kleinen aus Wellblech erstellten Straßenläden mit halbnackten, schmutzigen Kindern, deren Augen zwischen den Chipstuetengirlanden hervorblitzen. Vor ihnen die Colaflaschen ordentlich aufgereiht. Ihr brombeerenschwarzer Inhalt verspricht die letzte mögliche Reinheit der Welt. Doch da, das saubere Gelb eines neuen Baggers, der gierig irgendwo am Straßenrand ein Loch gräbt, ist eine Wohltat für meine Augen. Der Bagger gibt sich als Straßenkünstler. Hunderte von Menschen bilden einen Halbkreis und beobachten ihn bei seiner Tätigkeit.
Körper tragen metallene Rohre, rostige Eisenstangen; löchrige Zementsäcke, abgefahrene LKW – Reifen; unförmige Felsbrocken, zerschliessene Matratzen, schlafende Kleinkinder; halbwegs quaderförmige Ziegelsteine, ja alles; was der elenden Erdanziehungskraft dieser Stadt ausgesetzt ist. Das Hupen der Fahrzeuge gibt den Rhythmus vor. Nein, das Hupen hält die Welt wach und in Atem. Das Hupen ist das magische Signal, das Wunder bewirkt und all das anstößt, all dem Leben einhaucht, was sich Hieronymus Bosch einst auf seinen Leinwänden ausgedacht hat.

Die vermeintliche Leere auf dem Annapurna Rundweg

Ein Gedanke jagt den anderen als könnte das ewige Jungbleiben eine Idee für mein Leben sein. Das mögen viele so ziemlich lächerlich finden. Aber ich sitze nach der Überschreitung des höchsten Passes der Welt einfach da, trinke ein Bier, lese ein Buch von Karl Ove Knausgard. Seine Sprache leuchtet wie der Schnee vor mir im Fenster auf dem Dhaulagiri. So wie meine Augen nach dem langen Weg leuchten. Auch das könnte ein Konzept für mein Leben sein. So immer die Augen leuchten lassen. Wegen den Menschen, Dingen, Geschichten, die mir in Nepal oder daheim begegnen. Egal in welcher Form. Auch wenn diese noch so fremd oder vertraut mir erscheinen. Die Leere beim Gehen zwar erwarten, sie nicht bekommen stattdessen die unreine Mischung aus Allem und dem Nichts.

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Am Fuße des Annapurna

20160828_064331Da stehe ich morgens um sechs bei gerade aufgehender Sonne am Fuße dieses Achttausenders und weiß nicht, was ich jetzt tun soll. Einfach nur große Augen machen und schauen. Fotografieren, um festzuhalten, was ich nicht festhalten kann. Natürlich ist da der in Nepal angekommmene völlig verträumte, zehnjährige Junge, der seiner Welt mit ungezählten Abenteuerbüchern und Luis Trenker Filmen eine große Verwegenheit verlieh. Jetzt stehe ich da und spüre wie ein Wunsch in mir verschwindet hinein in den tiefblauen Himmel über dem makellosen weißen Gletschern des Berges. Das fühlt sich schon traurig an.Natürlich will ich da hinauf immer noch. So anziehend und einfach sieht der Gipfel aus. Ach die schöne beruhigende Naivität. Sie gibt sich stärker als jemals bevor angesichts dieses so nahen keineswes feindseligen Riesen. Kein Blick ist möglich auf die Großartigkeit ohne dass sich meine eigene Geschichte einmischt. Das ist eine Stimme, die hier in der von den Achttausendern ausgerufenen Stille, besonders laut in dem Kind dort unten erklingt.