Süßer Tod

Natürlich steht er immer neben mir. Der Tod. Besonders, wenn es mir blendend geht. Wenn ich gute Musik höre oder die Herbstsonne die Welt zum Glänzen bringt. Oder Schokolade auf meiner Zunge schmilzt. Dann ist er da, grinst lustig. Er weiß genau, ich bewege mich auf ihn zu. Besonders schnell in den Momenten, die schön sind für mich. Dann wenn das Glücklichsein wehtut. So ganz kleine Stiche auf meiner Haut oder in meinem Bauch. Ich möchte alles dann noch schöner machen. In der Sonne ein Zitroneneis essen oder tanzen zu der guten Musik. Die Stiche kitzeln nur noch und machen das Glück größer. In diesen Augenblicken könnte der Tod mein Freund sein.
Schon als Kind habe ich immer an ihn gedacht. Am Strand. Wenn ich versucht habe mit meinen kleinen Füßen dem Schaum der Wellen zu entkommen. Oder ich den schlafenden Hund meiner Großeltern gegrault habe. Er hatte ein filziges schwarzes Fell. Seine Augen glänzten zwischen den Strähnen dunkel. Meine Hände fühlten sich dabei so pelzig und rau an. Als Junge hatte ich das Gefühl, der Tod habe nichts mit mir zu tun, mit dem jungen Leben in mir. Jetzt weiß ich natürlich, er kümmert sich um jeden, ob Baby oder alter Mann. Er wohnt nicht in mir, nein, nein. Das fühle ich. Er ist immer im Außen. Nah und doch für meine Hände unerreichbar. Das macht ihn unheimlich. Ich bewege mich mit meinem Leben auf ihn zu. So wie ein Zug auf das schwarze Loch eines Tunnels. Aber ist die schwarze Farbe noch schwarz, wenn meine Augen ganz zugepresst sind? Existieren noch Farben, Licht?
Die Frage nach dem Nichts lässt mich nicht los. Denn ich glaube nicht an Gott oder eine Welt, die im Himmel existiert. Höchstens an die Wiedergeburt. Aber das ist schon kompliziert genug. Je älter desto stärker spüre ich sein Hauch. Je mehr ich mich ihm öffne, desto glücklicher bin ich im Leben? Was für eine komische Sache. Sich jemandem zu öffnen, der mir alles nimmt? Irgendwann? An einem unbestimmten Ort zur unbestimmten Zeit. Manchmal habe ich das Gefühl, er kenne genau das Datum, den Ort. Er flüstert mir alle Informationen zu. Aber ich verstehe ihn nicht, so leise ist er. Wie eine Maus, die im U-Bahnschacht über die Gleise huscht.